Enkel und anderes Folk – Umbrüche in den 70ern

Podiumsgespräch
Festival Musik und Politik, 24.02.2017, WABE Berlin
Mit Reinhold Andert, Elke Förster, Stefan Körbel, Wolfgang Leyn, Bernd Rump
Moderation:  Steffen Mensching

Mensching: Willkommen, Prost, diese Veranstaltung zu moderieren, ich freue mich, dass ich das tun kann, ich bin mir nicht ganz sicher, ob es mir gelingen wird, weil ich schon vorher, als ich als Teilnehmender dieser Veranstaltung angefragt wurde, nicht genau wusste, worüber wir eigentlich reden und ich weiß es jetzt als Veranstaltungsleiter umso weniger. Aber… wahrscheinlich hat man sich gedacht, wir lassen einfach mal einige Ü-50-Menschen zusammen kommen und die werden dann schon irgendwas sich zu erzählen haben, deswegen heißt diese Veranstaltung auch nur ganz schlicht „Gespräch“. Ganz kurz für die zwei, die uns nicht kennen, vorstellen, wer hier vorne sitzt. Das ist Elke Förster an meiner Linken, Bernd Rump, Reinhold Andert, alle auf meiner linken, Ihrer rechten Seite; Wolfgang Leyn und Stefan Körbel auf der rechten von oben und der linken von unten gesehen. Den meisten sind die… ja, hier Sitzenden sicherlich bekannt oder soll ich kurze Biographien versuchen? Das wurde mir aufgeschrieben? (Rump?: Versuch mal!) Ja? Also… da sitzt sozusagen Hoyerswerda, ganz direkt neben mir, dann Dresden, Dresdner geht’s gar nicht, dann ein zugezogener Berliner, Reinhold Andert, Wolfgang, du bist Leipziger, eigentlich? Leipziger, aber auch lange in Berlin lebend. (Leyn: Leider.) Leider? Du kannst doch zurück, die Mauer existiert doch nicht mehr. (Lachen aus dem Publikum) Bist zurück. Ach bist zurück. Das war leider? Ja. Ah, darüber könnte man ja reden, aber darüber sollen wir eigentlich nicht reden. Egal. Stefan Körbel, ja, Stefan Körbel, immer in Berlin geblieben … mit Fernweh bewaffnet.

Körbel: Rummelsburg.

Mensching: Rummelsburg?

Körbel: Berlin-Rummelsburg.

Mensching: Lichtenberg, ein Lieder-Lichtenberg.

Körbel: Liegt, du, bei dir um die Ecke.

Mensching: Ja, ein echt Lichtenberger. So, wir reden also über die 70er-

Michael Liebig: Moment, bevor es losgeht! Steffen, ich hab dich vor vielen vielen Jahren mal gesehen mit dem neuesten Da Da eR-Programm [Letztes aus der Da Da eR] und Stoffel [Stefan Paubel] hat mir vor vielen Jahren mal erzählt, man hat dir mal eine Requisite geklaut. Und als der Lebensgefährte meiner Mutter gestorben ist, hat sich im Nachlass folgendes Buch angefunden… (Lachen aus dem Publikum) ich dachte mir, bei dir ist es, glaube ich, besser aufgehoben, als wenn’s bei mir im Schrank liegt. (Lachen, Applaus, allgemeine Heiterkeit, Stimmen durcheinander)

Mensching: Das bringt ja das Gespräch in eine Richtung, die wir gar nicht voraussehen konnten…

Michael Liebig: … der ist 90 geworden…

Mensching: Meins war schlechter erhalten.

Körbel: Wir reden jetzt über was ganz anderes, als was Thema ist.

Mensching: 1941…(unverständlich) Telefonbuch… (unverständlich, Mikro wird ihm gereicht) Das ist mir tatsächlich in Schwerin bei der Singewerkstatt oder Theaterwerkstatt, ja, ist mir das gestohlen worden. Wir könnten jetzt darüber reden, wann euch mal was auf Singewerkstätten gestohlen wurde, wollen wir nicht machen. Ich bedanke mich ganz herzlich für das Geschenk, ist jetzt natürlich schon ein bisschen komisch, dass ich jetzt gleich was geschenkt kriege und ihr nicht, aber ihr könnt ja ganz kluge Antworten geben und … vielleicht kriegt ihr auch noch was. (Rump: Was es zwei Stunden zu reden gibt.) Ja, da krieg ihr auch noch was. Das bin ich inzwischen gewöhnt, gebe ich zu.

Also wir reden über die 70er Jahre, ich habe mir mal ein bisschen Mühe gemacht, und hab mal, heute noch ausgedruckt, was so bei Wikipedia über die 70er Jahre steht. Das ist insofern interessant- über die DDR steht da eigentlich gar nichts. Jedenfalls… ich habe nicht sehr viel gefunden, der Herr Honecker, der ja doch eine gewisse Rolle gespielt hat, den gibt’s da nicht bei Wikipedia, es gibt eigentlich nur Jakob der Lügner als Film und einige Konrad Wolf-Filme, immerhin, das ist eigentlich der einzige Beitrag, den die DDR in den 70er Jahren bei Wikipedia hinterlassen hat. Aber, das will ich vielleicht doch noch kurz zitieren, was so musikalisch da ablief in den 70er Jahren, das ist ganz interessant. Also… Einzelbeiträge Deutschland, will ich mal sagen, Gret Wilden, Gert Wilden, ich weiß nicht, wer das ist, kennt den jemand? Nein, was. Howard Carpendale, Insterburg &Co., James Last, Karel Gott, Katja Eppstein, Kraftwerk, die Les Humphries Singers, Reinhard Mey, Roy Black, Ton Steine Scherben und Udo Jürgens. Das sind sozusagen die Einzelbeiträge von Deutschland, da zählen wir alle nicht dazu. Was … wenn ihr jetzt an die 70er Jahre denkt, vielleicht fangen wir mal ein bisschen naiver an, was war denn da für dich wichtig? Wenn ich dich jetzt frage: Die 70er Jahre.

Förster: Also, die 70er Jahre waren … mit dem Beginn 1970 auch wirklich gleich mein Eintritt zum Beispiel in einen Singeklub, ja? Etwas vollkommen neues, was es ja noch nicht gab, junge Leute, die sich zusammengefunden haben und gesungen haben, musiziert haben… 70er Jahre, ist Weltfestspiele [der Jugend und Studenten, 1973] gewesen, ne? Mein Studium habe ich angefangen in Zwickau und dort auch einen Singeklub geführt oder ge-, oder mitgemacht… also sich gemeinsam zusammengefunden und gesungen, ja… Ich habe in den 70er Jahren meinen Beruf angefangen, den ich im vorigen Jahr nach 40 Jahren erfolgreich beendet habe und in den 70er Jahren habe ich zwei Kinder zur Welt gebracht. Reicht das erstmal? (lacht)

Mensching: Das reicht erstmal. Ich geb‘ mal hier weiter.

Leyn: Ja…

Förster: Da müsst ihr erst einmal mithalten.

Wolfgang Leyn

Wolfgang Leyn

Leyn: 70er Jahre. Was fällt mir ein? Nationale Volksarmee, nicht so schönes Erlebnis, 1972 bis ´74, danach Studium der Journalistik und das schöne eigentlich war nicht so das Studium, sondern man hat Zeit gehabt Dinge nebenbei zu machen, das war bei mir Folkband, Folkländer in Leipzig, hat einen Riesenspaß gemacht, hat das Studium ein bisschen behindert, aber war nicht so schlimm. Kinder sind nicht von damals, Ehe ist auch nicht, Beruf war dann `78 und zwischendurch, klar Biermann-Ausbürgerung und eine Vorlesung beim… im Journalistikstudium über die Rolle der Partei und die Intellektuellen, wo der Name Biermann keinerlei Erwähnung fand und es gab dann keine Fragen, wofür sich, wofür sich der Verantwortliche für die Vorlesungsreihe entschuldigt hat beim Referenten. Ja, ansonsten, ja, das war vielleicht so… also Folkszene war für mich ganz wichtig und war dann so ein Lebensthema für mich.

Frage aus dem Publikum: Warst du nicht Bausoldat?

Leyn: Nein, ich war damals ein ziemlicher DDR-Patriot und nebenbei gesagt, das war ja auch noch ´73, Chile, wenn ihr euch erinnert, 11. September und wenn man damals irgendwie so internationale Brigaden gegründet hätte, ich wäre, war so naiv und rot, dass ich da hingegangen wäre. Sicher hätte das wenig Sinn gehabt, aber das wäre das, wir waren gut ausgebildet bei dieser Nationalen Volksarmee, wir haben nur eben viel Blödsinn gemacht.

(Mikro wird weiter gereicht)

Körbel: Du musst mir schon noch eine Frage stellen jetzt.

Mensching: Ja die Frage ist, wenn du das Stichwort 70er Jahre kriegst, das hast du bekommen, was dir da so einfällt. Du kannst persönlich referieren, du kannst auch in die politische Geschichte abgleiten oder was immer du möchtest. Was sind die 70er Jahre für dich, wenn du sie vergleichst mit den 60ern, die hast du ja auch noch erlebt. (Lachen aus dem Publikum)

Körbel: Wir reden… (anhaltendes Lachen aus dem Publikum)

Mensching: Oder du kannst noch einen Moment nachdenken, dann gebe ich erstmal-

Körbel: Nein, nein nein.

Mensching: Der kann bestimmt antworten, oder?

Körbel: Er ist ein Theatercharmeur.

Andert: 1970 war ich Assistent, also Philosophieonkel an der Musikhochschule Hans Eisler und habe mir das schönste Mädchen dort geschnappt und geheiratet und bis heute hat das gehalten. (Beifall) So. Und die Hochzeitsfeier fand statt im, wie heißt denn diese Schwulenkneipe? – Offenbach-Stuben. Offenbach-Stuben. Und da kamen, ging die Tür auf und plötzlich war, das Sekretariat des Zentralrats kam rein und überredete mich für die Weltfestspiele eine Liedgruppe zu übernehmen. Das war der Beginn des Niedergangs der Singebewegung. (Lachen und Beifall aus dem Publikum/lacht) Und darüber reden wir ja nachher, ne.

Mensching: Und von Reinhold Andert? (Mikro wird weitergegeben)

Bernd Rump

Bernd Rump

Rump: Gut, also mir fällt der 11. September 1973 ein. Der 11. September war der Tag, als die Moneda brannte in Chile und es war der gleiche Tag, an dem das Studium begann am Literaturinstitut. Und die gesamte Scheiße kriegte man mit im Zug von Dresden nach Leipzig und man fuhr natürlich dann gleich zurück und organisierte irgendwas, irgendwas, nach dem Motto, wir machen jetzt Soli. Ich weiß noch, ich rief Renft noch am gleichen Abend an, ich rief Kurt Demmler an und zwei Wochen später am Sonnabend machten wir im Mathematikhörsaal der TU [Dresden], der fasste so 500 Leute damals, sozusagen unser erstes Konzert zu dem Thema. Das ist das, woran ich mich am meisten erinnere, das andere ist Studium, das ist Schicht, ist der ganze Laden, den man halt so lebt.

(Mikro wird weiter gereicht)

Mensching: Zweiter Versuch.

Körbel: (lacht) Naja, ich dachte, wir ja reden ein bisschen über das, was wir in dieser komischen Korsettsituation Singebewegung gemacht haben zu der Zeit, alle so miteinander. (Mensching: Ne, Stefan…) Aber wenn du 70er Jahre willst, dann, klar.

Mensching: Ja, du kannst auch darüber reden.

Körbel: Der erste Zungenkuss, oder was?

Mensching: Nein, du musst es ja nicht so privat machen. (Körbel: Nein, pass auf.) Ich will nur sagen, vielleicht um mich zu erklären, warum ich das so versuche, ich meine, wir können natürlich, können wir jetzt gleich über die Singebewegung reden, aber wenn wir darüber reden, warum sich irgendwie diese Bewegung geändert hat (Körbel: Ja.), vielleicht sollten wir auch darüber reden, (Körbel: Ja. Ja. Ja.) was in der Gesellschaft so passiert ist.

Stefan Körbel (links)

Stefan Körbel (links)

Körbel: Naja das ist natürlich ein ganz, ein richtig ganz weites Feld. Also als ich angefangen habe, Gitarre zu spielen, ich hatte Geige gelernt, war furchtbar, ich musste immer zum Musikunterricht, hatte nie geübt, hatte eine altjüngferliche Geigenlehrerin, die mich immer nur… und dann habe ich gesagt, ich will das aber gar nicht, ich will Gitarre lernen, ja. Ich will… Honky Tonk [?] spielen und dann hatte ich aber kein Geld für eine E-Gitarre und dann gab‘s eigentlich nur einen Singeklub und dann war bei mir um die Ecke ein Singeklub und da bin ich hingegangen und war 17 und die waren alle schon, hatten Brecht gelesen und sonstwas, die hießen Lyrik Song Klub, falls das jemand noch kennt, LSC, residierten in Lichtenberg und die suchten einen neuen Proberaum, weil sie da raus mussten in Lichtenberg und dann fanden wir einen neuen Proberaum, der war was ganz exotisches, der war ein Frachtkahn an der Insel der Jugend in Treptow und wir machten auf diesem Frachtkahn unseren Proberaum auf und gleichzeitig einen Jugendklub, was es so außer beim Oktoberklub-Klub, OKK, im Kino International noch nicht gab, wir machten jeden Sonnabend auf diesem Kahn auf der Insel einen frei organisierten Abend, wo jeder spielen konnte, der wollt, unzensiert. Wo jeder Platten auflegen konnte, unzensiert. Das hieß auch noch nicht DJ und wo eine heftige Jugendkultur jenseits der FDJ funktionierte. Das hat mich geprägt und das war vor Karls Enkel… Zwei Jahre, zwei Jahre. Bitte?

Aus dem Publikum: Der wurde dicht gemacht.

Körbel: Nein, dann wurde nicht dicht gemacht, dann musste ich zur Armee. Ungefähr drei Jahre, dann gab‘s die … bei der FDJ natürlich so eine Geschichte, ja die Jugendklubs, die jetzt hier so entstehen, die müssen wir auch alle ein bisschen, irgendwie unter die Fittiche nehmen, dann kriegte die Insel auch einen staatlichen FDJ-Leiter, der hieß Thomas Ostermann, nein, nicht Thomas Ostermann, irgendwie anders, Bernd… Bernd Ostermann, ging aber trotzdem noch relativ liberal weiter. Ich war weg, ich war bei der Armee und hatte, ich quatsche jetzt zu viel, was?

Mensching: Du quatschst nicht zu viel, aber du quatschst ein bisschen am Mikrofon vorbei.

Körbel: O.K. Also… bitte? (jemand fragt etwas unverständliches) Weil ich überzeugter Kommunist war und bin.

Mensching: O.K., das ist zumindest geklärt.

(Beifall aus dem Publikum)

Körbel: Aber nicht im Sinne von DDR-hörig, das war schon…Ein bisschen muss ich einen Satz noch dazu, Steffen. Unser Verständnis bei diesem LSC und bei diesem Dings war marxistisch und trotzdem in einer emanzipatorischen Art und Weise. Wir diese alte späte Ulbrichtzeit… die Nase voll und haben gedacht, wir machen was Neues und wir haben was neues gemacht. Das Großartige war, das war ein Kollektiv, was ich nie vermissen möchte, dass es so eine großartige Erfahrung ist, in einem Kollektiv zu arbeiten. In einem Kollektiv, wo alle dasselbe wollen und sich gegenseitig bedienen, und es war eine selbstbestimmte, ein selbstbestimmtes Projekt und das war großartig, so bin ich zur Armee gegangen und als ich wiedergekommen bin, hat mich das umgetrieben und dann kam eben nicht nur wegen mir, aber irgendwann, Karls Enkel raus.

Mensching: Ja, ich denke das macht ja doch vielleicht Sinn, ein bisschen in die widersprüchliche Situation dieser 70er Jahre und überhaupt dieses Phänomens DDR einzudringen und das macht glaube ich nur Sinn, indem man auch solche Geschichten versammelt und bleibt irgendwie konkret, versucht sich zu erinnern. Reinhold, du sagtest, nicht ohne einen gewissen Stolz, du hättest das Ende der Singebewegung eingeleitet, indem du dieses Angebot des Zentralrats quasi als 5. Kolonne würde ich mal interpretieren, angenommen hast, war das vorsätzlich oder ist dir das passiert?

Andert: (irgendwer auf dem Podium lacht) Nein, ich hatte schon Lust, ja, ich bin dann hauptamtlicher FDJ-Funktionär geworden im Range eines Abteilungsleiters im Zentralrat. Es gab auch das doppelte Gehalt.

Mensching: Was hast du da gemacht?

Reinhold Andert

Reinhold Andert

Andert: Naja, ich habe die Liedgruppe im Organisationskomitee der X. Weltfestspiele gegründet und wollte eigentlich diesen Geist, der sich in der Singebewegung entwickelt hatte, diese Demokratie, Basisdemokratie, eigentlich in den Apparat hineinbringen, das heißt also, ich bin zu allen Leuten gefahren, ich habe mir eine Liste im Schriftstellerverband geben lassen, alle Leute, die was reimen können in der DDR. Lyrik und so. Bin ich hingefahren und habe gesagt, die sollen mal ein Lied machen. Für die Jugend und für die Weltfestspiele. Und das waren so ungefähr 50 Leute. Ja. Und dann haben wir Liedwettbewerbe ausgeschrieben und das war eine Katastrophe, diese Art Demokratie, denn alle Lieder begannen „Wir treffen uns an der Weltzeituhr“ und so (lacht). So ein Schmarrn. Also das war … Schrott. Aber trotzdem, es war eben demokratisch, und da haben wir gesagt, wir machen hundert Lieder und dann suchen wir eins aus, probieren das, jagen das über den Rundfunk und was sich so herumsingt, das wird das das Lied. Das wollten sie haben, sie wollten also sowas wie „Im August blühen die Rosen“, ´52 [1951] oder so, das wollten die für ´73 auch haben. Und es wurde dann ein anderes Lied. Nämlich, wie hieß das nochmal. (Zuruf aus dem Publikum) „Die Junge Welt ist in Berlin zu Gast“  und die Geschichte, die erzähle ich ganz kurz und das ist symptomatisch eigentlich für die Kulturentwicklung und den Niedergang auch der Singebewegung, da bin ich nicht ganz unschuldig. Und zwar: Ich, wie gesagt, bin ich zu 50 Leuten gefahren, zu einigen durfte ich aber nicht fahren, weil wenn ich dort mit dem FDJ-Hemd angekommen wäre, die hätten mich rausgeschmissen. Das hing zusammen mit den 50er Jahren, als der Honecker FDJ-Chef war, der hatte die verprellt, die wollten also mit der FDJ überhaupt nichts mehr zu tun haben. Unter anderem Paul Dessau, eine lange Geschichte, im Herrnburger Bericht und so weiter, Busch auch nicht und so. Und das hat dann der Rudi [Rudolf] Singer für mich gemacht, der Rundfunkchef, der kannte die alle und hat denen einen Brief geschrieben, ,Kinder, setzt euch mal hin, macht für die Jugend ein Lied für die X. Weltfestspiele‘, war O.K.. Der Dessau war gerade zur Kur und hatte nichts zu tun, setzt sich hin und schreibt ein paar Noten auf. So, schickt die zurück und der Singer, hocherfreut, lässt seinen Cheftexter da, [Jens] Gerlach, so unter dem Motto ,Reim dich oder ich zerhack dir die Kommode‘ einen Text machen, der war so furchtbar, den konntest du dir kaum merken, weil da ein Allgemeinplatz einen anderen umwechselte. Also furchtbar, jedenfalls, in der Nacht ist das Ding noch produziert worden vom Rundfunkchor und nächsten Tag wurde ich angerufen, komm in den Funk. Dort saß der Rat der Götter, dieser Rundfunkrat und ich wurde neben Dessau platziert, war der einzige im FDJ-Hemd und nun wurde das Premiere, das Ding abgespielt. (singt) „Die junge Welt ist in Berlin zu-“ und so weiter. So. Ich dachte, ey, was für ein scheiß Lied. (lacht) Ja, was sagst du, ich kann ja nichts sagen, ich habe ja überhaupt – ,Ja‘, als es dann verklungen war, ,was sagt denn die FDJ dazu?‘ ,Ja‘, sage, ,gut, dass der Genosse Dessau, also doch eine großartige Geste und unsere Chöre werden sich sehr freuen über dieses Lied.‘ (Lachen aus dem Publikum) Weil ich wusste, die Singebewegung soll das nicht singen, das war so ein Schwachsinn. So. ,Aha, gut.‘ Ich bin wieder nach Hause gefahren, habe einen [ein?] Band mitgekriegt und kriege einen Anruf, ach ich war noch vorher bei Dessau draußen, weil ich da eine Rundfunksendung hatte, und da habe ich ein Interview mit ihm gemacht und habe ihm auch gesagt, also in der Jungen Welt auf der ersten Seite, kommt hier das Original, die Noten und so und das wird also groß popularisiert, ,Oh, gut!‘. Als ich bei Dessau war, zeigt er mir ganz stolz ein-, ,Guck mal hier, guck mal, guck mal‘ und er zeigte mir einen Brief, ,Lieber Genosse Dessau, ich bedanke mich, dass du mir dieses Lied gewidmet hast. Als Ehrenvorsitzender der Weltfestspiele, dein Erich Honecker, Kampfesgruß‘, so. Hat der Fuchs das dem Honecker gewidmet, jetzt ich gehe nach Hause wieder in mein Büro und kriege einen Anruf, ,Ja, du sollst das Lied um … dem mal, deinem Chef geben und zu Günther Jahn bringen und der Genosse Honecker möchte das hören.‘, weil der kann ja keine Noten, der war ja Trommler in Wiebelskirchen. So. (lacht) Na ich hatte zwei Vierspurgeräte und hatte das eine und hab das überschnitten auf ein Vierspurgerät, pack das ein, gebe das weiter, ja weiter, weiter und nachmittags um drei macht sich Günther Jahn zu Fuß ins ZK. So. Unterwegs, auf den Weg, mit Sigi [Siegfried] Lorenz gehen sie zusammen ins- zu Honecker, dort steht ein Smaragdtonbandgerät (lacht), da rein und (ahmt das Geräusch Tonbands nach) ,schschsch‘. – Nix. ,Eh, dreh mal rum, vielleicht ist, da…‘ rumgedreht – (ahmt das Geräusch des Tonbands nach) ,schschschsch‘ – nix. So. ,Dass das Erste, was die FDJ mir liefert ein leeres Tonband- ich bedanke mich.‘ Könnt ihr euch vorstellen (lacht), was da auf mich zukam. Na, ich, bei der nächsten Zentralratssitzung wurde ich sowas von fertig gemacht, ,parteischädigendes Verhalten‘ war das mindeste, was ich da, naja. Ich war auch der einzige, der keinen Orden nach den Weltfestspielen gekriegt hat (lacht), (jemand aus dem Podium: Ich auch nicht.) Achso, ja, (lacht, allgemeine Heiterkeit) aber Hauff/Henckler [Monika Hauff und Klaus-Dieter Henckler], der hat drei Orden gekriegt dafür. Jedenfalls, die Quintessenz war, dass wörtlich, ,das Lied wird jetzt eingepeitscht, die Scharte müssen wir dem Generalsekretär gegenüber auswetzen.‘ So. Jetzt wurde das das Lied, d.h. ich hätte eigentlich meine Arbeit einstellen können und nach Hause gehen, ne, weil das war ja schon, so. Jetzt mussten die alle das Lied auswendig lernen und das war prikaz [Befehl, russ.], jeder Klub, also wenn einer nach Berlin wollte, musste dieses Lied im Repertoire haben. Und das war dann also, so ein, ein Zwang. Das war das erste Mal… und das ist jetzt nur pars pro toto, da gab es noch andere Geschichten, die da eine Rolle spielten.

Mensching: Da rede ich jetzt rein, Reinhold. Du hast genickt, ihr kanntet das? Ihr habt das-?

Vom Podium: Ja.

Elke Förster

Elke Förster

Förster: 1973 war ich also beim Studium in Zwickau und wir hatten auch einen Singeklub, also ich kam aus Hoyerswerda, habe dort Abitur gemacht und bin nach Zwickau gegangen und da haben dort praktisch gleich diese Idee von diesem Singeklub, der in Hoyerswerda da existierte, mitgenommen und dort einen Singeklub gegründet und dann waren die Weltfestspiele ja gleich in nächster Nähe und genau, da wurde… wurden die Lieder gesungen, also genau das, könnte ich mich jetzt erinnern, war eines der Lieder, das wir einstudiert haben, um (lacht) nach Berlin fahren zu können. Wobei ich weiß jetzt nicht mehr, ob es da eine Kommission gab oder so, aber auf jeden Fall ist das schon bekannt.

Mensching: Wir reden ja hier jetzt sozusagen über so ein Phänomen, FDJ-Unterstützung von kulturellen Prozessen und dass die natürlich… gelenkt waren, dass da Einflussnahmen genommen wurden auf so kreative Ambitionen von jungen Leuten, das ist glaube ich das Eine, zum anderen gab es aber nun auch diese, nun ja, eher selbstbestimmten Interessen, ich glaube, das ist, wenn man das betrachtet, von heute, irgendwie doch, zu dem Phänomen wichtig dazuzusetzen. Also man wollte auftreten, man wollte singen, man wollte sich mit bestimmten Musiken auseinander setzen, auch mit Musiktraditionen, die eben so nicht mal aus der Brecht- und Eislertradition kamen oder Dessau, sondern eher aus der von Folkmusic und dergleichen mehr, von dem was aus Amerika da rüberschwappte und trotzdem war man natürlich innerhalb dieser, ja, freundschaftlich-doktrinären Umklammerung der FDJ. Bernd, wir haben uns kennen gelernt auf einer ähnlichen Ebene, nämlich der FDJ-Poetenbewegung, also es war ja immer alles Bewegung, es war ja sozusagen dieses etwas zwielichtige Wort ,Bewegung‘… dass da immer benutzt wurde, da war es genau das gleiche, da waren junge Leute, die wollten irgendwie Literatur machen oder Lyrik schreiben oder Geschichten erzählen und haben dieses Podium der FDJ-Poetenbewegung genutzt, einige sind dabei geblieben, andere wurden durch die Geschichte an Literatur herangeführt. Du warst damals mein Seminarleiter … jaja, tatsächlich, er hat’s verdrängt, aber es ist tatsächlich wahr. Ein ähnliches Phänomen… also ich meine, wenn wir diese Dinge ansehen, dann war das einerseits eben eine gelenkte, staatliche, auch ideologisch ganz sicher abgesicherte Geschichte und die FDJ hat da auch ihre, versucht ihre Ziele durchzusetzen, ihre politischen Ambitionen und zum anderen war es eine Bewegung, die, ja, wirkliche Interessen bediente. Und ich glaube, wenn wir jetzt über diese Veränderungen reden, die Anfang der 70er Jahre eingetreten sind, da war, jedenfalls für uns, Karls Enkel, könnte ich zumindest so unterschreiben, da war es der Versuch, sich raus zu lösen aus dieser Umklammerung. Wenn du jetzt Schicht ansiehst, Dresden, ihr wart ja sozusagen in einer besonderen politischen Einheit da unten in Dresden, (Rump, schmunzelnd: Gilt heute noch.) Wie war das für dich? War das möglich, also auch Hoyerswerda ist sicherlich ein etwas anderes Terrain, wie war es in der Provinz, konnte man da, war es da einfacher oder schwieriger, sich aus diesen Fesseln zu lösen?

Rump: Beides. Ganz einfach beides. Also auf der einen Seite war es immer engstirniger. Sobald also verhandelt wurde, also Leute an einem Tisch saßen, die einen Text in der Hand hatten, war man schwieriger dran. Es war auch schwieriger Bündnispartner zu finden in solchen Fällen. Es gibt aus der Zeit der TU [Dresden] auch schon noch aus den 60er Jahren genug Exmatrikulationen im – für Kultur und so weiter und so fort, da wär eine ganze Stunde zu machen. Auf der anderen Seite war es einfacher, weil, wenn man schon was losgetreten hatte, waren wiederum andere auch interessiert, dass das nicht so schnell wieder aufhörte, also man wollte auch quasi mit der kleinen Medaille ein bisschen spielen und ein bisschen stolz sein und so war die TU zum Beispiel ein bisschen stolz, dass es diese Songgruppe gab. Und gar nicht begeistert, als wir Schicht ausgründeten, das war ja ´75 als wir das machten, sozusagen. Aber ´76 haben sie den Rest der Gruppe, Songgruppe, in die Tonne geklopft, für  ein Programm, wo ich den Text geschrieben hatte und der Text war sozusagen gleichzeitig meine Praktikumsarbeit am Literaturinstitut. Dort war das gut, in Dresden war das nicht gut. Es war allerdings dann die Biermanngeschichte dazwischen. Man hatte immer so verschiedene Dinge, auf der einen Seite war man ja selber, die Antworten waren doch bei der Armee klar, die wäre bei mir auch nicht anders gewesen, sozusagen, wir waren ja für das Land. Kann man ganz einfach sagen, wir waren für das Land und es gab ja Anfang der 80er Jahre, der 70er, verzeiht, eine Art Öffnung, wie offen die wirklich war, ist eine andere Frage, aber so hat man, haben es junge Leute mit Recht empfunden. Und da gehörten die Weltfestspiele rein. Da waren, 24 Stunden hat der Tag, 10 Stunden war vielleicht wirklich reglementiert, die anderen 23 haben wir aber selber gemacht. Das darf man dabei nicht vergessen, und nicht nur die Nächte, die haben wir auch gemacht und Poetenseminar, na wer war denn da dabei, ich habe doch interessante Leute kennen gelernt, vorher war mein Seminarleiter war Reinhard Weißbach gewesen, ist heute noch für mich einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Wenn ich drüber nachdenke, also einige dürften ihn vielleicht noch kennen. Und das lustige, ich wusste nicht, dass du bei meinem Seminar warst, d.h. wir nahmen da auch die Klinken in die Hand. Nach mir wurden andere Seminarleiter, da war ich es dann nicht mehr. Aber ich war eben ab `85 nirgendwo mehr erwünscht. Nach diesem Februar ´84, nach diesem Auftritt auf dem Festival des politischen Liedes, war die Gruppe Schicht und Bernd Rump außerhalb Dresdens nicht mehr vorhanden. D.h. die konnten einem den Hahn zudrehen. Das darf man auch nicht vergessen und zwar radikal, ohne ein Wort zu sagen, man erfuhr es nur von Journalisten.

Körbel: Entschuldigung, wer und wie haben sie euch den Hahn abgedreht?

Rump: Du hast einfach plötzlich keine Einladungen mehr gekriegt, absolut keine.

Körbel: Wer hat das gemacht?

Rump: Ja, das ist eigentümlich, wie es passiert ist. Die Werkstatt „Lieder und Theater“ ist ´84 dann geschlossen worden, hat nicht mehr stattgefunden. Dagegen haben du und Wenzel Einspruch erhoben und Professor Günter Mayer, das sind die, die ich weiß. Die den Mut hatten aus der Szene heraus zu sagen, es kann nicht sein, dass sowas geschlossen wird. Ich habe ein Protokoll – inoffiziell, wo dann am Ende steht, man muss uns erziehen, das war dann die Möglichkeit in Dresden, uns nicht zu zumachen. Wir konnten in Dresden weitermachen, das habe ich ganz klar Hans Modrow zu verdanken. Und aus-.

Körbel: Und hat diese Behinderung, hat die Hartmut König zu verantworten?

Rump: Wir bitte?

Körbel: Hat deine Behinderung oder die Behinderung von Schicht und dem, was du gerade schilderst, hat das Hartmut König verantwortet?

Rump: Ich glaube nicht er allein. Das hat Hartmut allein nicht gemacht, aber er war mit dabei.

Mensching: Die Schwierigkeit besteht auch darin, sowas auch nicht person-

Andert: Das ist Stalinismus, hör mal.

Rump: Es ist scheiße, genau so, deswegen redet man über sowas nicht gern, weil man in diese blöde Klemme kommt. Aber muss es auch sagen können, muss ganz einfach sagen können, dass ab einem bestimmten Moment etwas auch nicht mehr ging. Nun hatten wir unsere Nische in Dresden und insofern konnten wir Theater machen, das war wiederum die andere Seite und diese Schizophrenie, in diesem Widerspruch, bewegte sich das, das wollte ich sagen.

Mensching: Das ist ja völlig richtig, ich glaube auch, dass das stimmt, ich glaube, wir… Karls Enkel spielt ja auch eine gewisse Rolle, wir haben uns, ich glaube nach… „Zieharmonie“ spätestens von der FDJ eigentlich verabschiedet. … Die Diskussion hast du ja noch mehr mitgemacht als ich, ich war ja da nur… sehr peripher dabei.

Körbel: Wir haben da ein bisschen getrickst.

Mensching: Wie bitte?

Körbel: Wir haben getrickst.

Mensching: Na erzähl mal. (Lachen aus dem Publikum)

Körbel: Also wir haben getrickst insofern, dass … ihr habt ja Recht mit dem, was geschildert wurde, die FDJ-Singebewegung war das Dach für alles, irgendwie, Anfang der 70er Jahre, ob man das wollte oder nicht. Für euch, für die Liedermacher, fanden da-, alles, was sang, fand unter dem Dach Singebewegung statt. So. Wir haben als Karls Enkel nächtelange Diskussionen mit Ellen Brombacher im HdjT [Haus der jungen Talente, Berlin] in der letzten Etage oben über jede winzigste Textzeile über Stunden geführt. Die ging bis dahin, dass Ellen Brombacher ihre antifaschistische Opferfamilie ins Feld geführt hat, um unsere Texte, sagen wir mal, zu relativieren. … Und irgendwann hat uns das gereicht. Irgendwann haben wir gesagt, mein Gott, wir sind nicht Gegner, wir sind nicht Feinde, wir wollen Kommunismus in demselben utopischen Anspruch wie ihr, aber diese Gängelei, das geht nicht mehr. Diese Gängelei geht nicht mehr und irgendwann haben wir gesagt, so, wir müssen da irgendwie raus und müssen irgendwie was anderes- und dann, Ellen Brombacher glaube ich, wollte uns auch loswerden. (lacht) Wobei ich da…

Mensching: Ganz kurze Zwischenbemerkung. Da könnte man natürlich lange jetzt streiten, ob wir wirklich das gleiche wollten. (Körbel: Ja.) Ich persönlich bezweifle das. Ich sage mal, wir meinten vielleicht, das gleich zu wollen.

Körbel: Bist ja auch später gekommen. (Lachen aus dem Publikum) Nein, stimmt schon. Natürlich wollten wir nicht wirklich dasselbe, richtig. Aber wir haben einen Trick gemacht, ich glaube, die Brombacher wollte uns loswerden und hat gesagt, ihr seid alle Studenten der Humboldt-Uni, ihr werdet der Singeklub der Humboldt-Uni. Und dann waren wie ein Jahr lang der Singeklub der Humboldt-Uni, war auch gut, weil da hat uns nämlich keiner mehr die Texte zerpflückt. Und dann hatten wir irgendwie die Idee mit dem Mühsam-Programm an die Volksbühne zu gehen und dann war die FDJ uns wirklich los und alle waren froh. Die Volksbühne war froh, dass sie uns hatte, die FDJ war froh, dass sie uns los war.

Steffen Mensching

Steffen Mensching

Mensching: Na und wir haben uns einen neuen Partner gesucht, wir waren nämlich zum Kulturbund gegangen. Das darf man nicht vergessen. (Körbel: Aha, parallel zur Volksbühne.) Wir sind ja in der Volksbühne nicht richtig fest angestellt worden, sondern nur immer für bestimmte Projekte, aber wir haben uns den Kulturbund gesucht, auch das erzählt ja etwas über Strukturen. Das heißt ganz ohne – klar, wir waren, wir hatten unsere sogenannte „Pappe“, unsere Spielerlaubnis, Wenzel und ich war im Schriftstellerverband, Cello [Rolf Fischer] ist irgendwann in den Komponistenverband gegangen, man hat die Institution benutzt, und wir haben auch so den Kulturbund benutzt, nicht nur um irgendwelche Gelder zu kriegen, sondern um Unterstützung zu kriegen für ein Auto oder ein paar Reifen, oder naja, wie das so lief. Wie war das in Leipzig? Erzähl mal-

Leyn: In Leipzig war es so, wie gesagt die Geburtsstunde DDR- Folkszene 1976 im Oktober, die wäre ohne die FDJ gar nicht möglich gewesen. Ich kann mich erinnern, Gruppe Folkländer, eigentlich sollte das Ganze in Plauen stattfinden, in diesem Malzhaus, einem Jugendklub ´73 gegründet, aber ein bisschen an der FDJ vorbei. Der FDJ war das immer ein Dorn im Auge, dass sie das nicht so im Griff hatte und sie hat es auch ´82- oder, haben es die Behörden geschafft, diesen Jugendklub dann zu schließen mit der Begründung, dass man das Haus, das historische Gebäude sanieren wollte, aber eigentlich sollte dieser Klub weg. Wie gesagt in Plauen ging‘s nicht, Jürgen Wolff hat an der Grafik studiert, es waren drei Grafikstudenten bei der Gruppe Folkländer, das war unser Probenraum dort, also haben wir gesagt, O.K., lasst uns das dort machen und ich kannte den, ja, was war das, den Singeklub, Singe- Bezirkssingezentrumschef von Leipzig bei der FDJ-Bezirksleitung. Habe gesagt, ,du‘, der hieß auch Jürgen, , Jürgen, ich brauche mal zwei Dinge von dir, ich brauche ein bisschen Geld, dass wir die Fahrtkosten bezahlen können, [für] die wir da einladen zu dieser Folkwerkstatt und vor allem brauche ich ja eine Unterschrift. Du musst das als Mitveranstalter machen.‘ Das hat er gemacht, hat, ,schreib mal eine Konzeption‘, habe ich eine Konzeption geschrieben, war sehr viel FDJ und Sozialismus drin. Also das ist so, wie wenn du heute von der EU irgendwelche Gelder haben willst, musst du nachher siebzehn mal Europa drin in jedem Satz haben, dann kriegst du da Geld und so- (Lachen, Beifall aus dem Publikum). Wusste man und er wusste, O.K., Wolfgang, ihr macht da keine Scheiße und singt keine Biermannlieder und so, und so. Also Geld kam, Unterschrift kam, Klub hatten wir sowieso und FDJ hat sich nicht eingemischt, wir haben unser Ding gemacht, wir haben unsere Werkstatt gemacht, Werkstatt war übrigens so eine Geschichte, habe ich gelernt, der Begriff „Werkstatt“ ist ein DDR-Begriff, also im Westen oder in Österreich, in der Schweiz, ist Werkstatt der Raum, wo Handwerker arbeiten und ihre Werkzeuge aufbewahren. Werkstatt als eine Veranstaltung, wo Dinge sich vorgemacht werden, die vielleicht noch nicht fertig sind, gibt’s, gab‘s nur in der DDR. Ich weiß nicht, ob es heute noch Werkstätten gibt, vermutlich nicht. Wir haben diese Werkstatt gemacht mit der FDJ und danach war es auch so, wir haben auch unser Ding versucht zu machen, die FDJ hatte die Jugendklubs und die FDJ hatte Kohle. Und sie hatte ein paar verständige Leute, die gesagt haben, Singebewegung läuft nicht mehr so richtig, Folk läuft gut, zieht junge Leute, lass uns Folk ins Haus der jungen Talente bringen, lass uns Folk ins Nationale Jugendfestival bringen, 1979, Lutz Kirchenwitz sitzt da, hatte diesen „Liederpark“ da veranstaltet mit ein paar Dingen, die ziemlich neu waren, also Zirkuszelt mit Liedermachern und Bands, dann gab es diesen Musikantenhügel und dann hatte ich so eine kleine Bühne, das war eigentlich überhaupt keine Bühne, sondern nur so ein kleines Podium, wo die Leute drauf standen, dass wir ein bisschen größer waren als das Publikum und gesehen wurden, da konnte, also Biermann hätte da nicht auftreten dürfen, aber wer da irgendwie in diesem Umfeld war, konnte da auftreten.

Mensching: Mal eine Zwischenfrage, kann es sein, dass die sich auch gesagt haben, Folk ist, die singen alte Handwerkerlieder, die versteht sowieso keiner so richtig und dann singen die vielleicht Englisch, Irisch, das geht sowieso überhaupt nicht durch, was da an Texten drinsteht, das die, ja Freundlichkeit und ein bisschen die apolitische, unpolitische… Mentalität des Folk da auch eine Rolle gespielt hat?

Leyn: So apolitisch war das ja gar nicht.

Mensching: Ja, aber vielleicht, ich meine, wenn sich Stephan Krawczyk hingesetzt hat, später und hat seine Songs gesungen, die auf die Botschaft hinausliefen, die Stasi ist böse und Honecker eine… sozusagen-

Leyn: Das war viel, viel später.

Mensching: Jaja, das stimmt, aber sozusagen das waren eindeutige Signale, (Leyn: Ja.) da hat die Sicherheit, die sofort die Bleistifte gespitzt und mitgeschrieben, während die Handwerkerlieder, die pazifistischen, das war sozusagen auf einer Metaebene subversiv, aber nicht in der ersten… wir haben, uns haben sie unsere Zulassung weggenommen, weil wir ein Gorbatschow-Bild durch die DDR gefahren haben, in unserem Ello Bus, das war Subversion, sozusagen, was wir auf der Bühne gemacht haben nicht so sehr.

Körbel: Nicht die Pappe, sondern die Kraftfahrzeugzulassung haben die uns…

Mensching: Das war viel schlimmer als die Pappe. (allgemeines Gelächter)

Wolfgang Leyn: Naja ich denke am Anfang hat Folkländer oder haben verschiedene Folkbands was ganz ähnliches gemacht wie Karls Enkel. Karls Enkel hat den Goethe genommen oder den Mühsam und hat über die DDR gesungen. Und wir haben die Lieder aus dem 19. Jahrhundert genommen und haben über die DDR gesungen. Also die Lieder „O König von Preußen, wie sind wir“ und so weiter, also ein Lied gegen den Drill in der preußischen Armee, da hat natürlich jeder gewusst, wer da gemeint ist, da musste man gar nicht sagen, mit dem Lied grüßen wir jetzt den Jens, der gerade eingerückt ist. (Lachen aus dem Publikum) Oder, das war schon völlig klar.

Mensching: Ja, gut. Ich wollte da gar nicht polemisieren.

Leyn: Aber man konnte nichts machen. Also es gibt ein schönes Beispiel von Liedehrlich, mit Stephan Krawczyk, damals noch bei Liedehrlich, Trio, die haben in Erfurt beim Krämerbrückenfest ein Lied gesungen vom Schnitzel Putzhäusel und da kommt irgendwie vor die Zeile, also das ist so eine Tierfabel, die sitzen da alle irgendwie und machen da irgendwas und der König ist der Bär und was weiß ich und … die Faultiere sitzen im Staatsrat und das hat man ganz wörtlich genommen, die wurden von der Bühne geholt oder kriegten danach keine Auftritte mehr und mussten irgendwie beim Rat des Bezirkes antanzen. Dann haben sie dieses mitgenommen und sagen ,Das ist hier [Adolf] Glasbrenner, achtzehnhundertund, hier, hier steht’s‘ und das war der Schutz. Also damit, so wie ihr mit Goethe, das ist Goethe, wieso DDR-Kritik? Also es ging um die Ecke, das hat funktioniert. Als dann Krawczyk sozusagen Klartext geredet hat, als Solist, als Liedermacher, aber da war er nicht mehr in der Folkszene, die Folkszene hat dann eigentlich was anderes gemacht. Wobei es Berührungspunkte immer gab, also Karls Enkel, Wacholder und (Mensching: Das ist eine andere Geschichte.) Das ist eine andere Geschichte, aber es war im Anfang erstmal weg aus der FDJ, aus diesem Singeklub, diesem Korsett, des Überpolitisierten und des Übergegängelten, was eigenes machen. Aber es war auf der anderen Seite so, die Behörden, die eigentlich zuständig gewesen wären, das Zentralhaus für Kulturarbeit, die haben so mehr die Strickzirkel und die Mandolinenspieler und die Amateurkabaretts betreut und die haben sich irgendwie von dieser Folkszene fern gehalten, wahrscheinlich weil sie geahnt haben, das bringt Ärger.

Mensching: Hoyerswerda. Der kleinste Ort sozusagen, Industriestandort. Unter welchen anderen Schwierigkeiten hattet ihr, oder waren es die gleichen? Ihr hattet sozusagen, ihr doch mehr zu tun mit der, sagen wir, Hoyerswerdaer Kulturabteilung, mit den Parteileuten in den Betrieben. Ihr habt andererseits natürlich, wart ihr Teil auch der DDR-Singebewegung, ihr seid rumgereist, ihr wart bei diesen Treffen, die wir hier auch im Bild gesehen haben, wobei man auch da ja schon sieht, das war zwar auch ideologisch, aber so wie die Leute ihre Frisuren gepflegt haben, ihren Umgang, hat man schon gesehen, das waren doch auch, ja, relativ freie Lebewesen, die sich da getroffen haben. Also die hatten nicht alle diesen wunderbaren Kurzhaarschnitt, sondern die waren schon Bohemien-mäßig unterwegs. Wie war das bei euch, in so einer Kleinstadt ticken ja doch die Uhren anders und wird man anders beobachtet.

Förster: Ja also wir hatten eigentlich genau so wie Stefan das schon gesagt hat, dieses Problem, da brauchen wir noch einen Singeklub, da brauchen wir noch einen roten Faden,  da brauchen wir noch ein Pünktchen drauf, zieht mal alle euer Blauhemd an, kommt her, da kommt jetzt hier der Chef von was weiß ich woher und da wird der Parkplatz eingeweiht und nun singt ihr mal drei Lieder. Jetzt waren wir auch inzwischen alle  Mitte 20 und hatten uns, ja, beruflich und politisch irgendwo etabliert und hatten also nicht mehr dieses Bedürfnis so für fünf Minuten drei Lieder uns irgendwo hin zu stellen. Hoyerswerda war dann, aus dem Singeklub wurde dann diese Brigade Feuerstein, allerdings wahrscheinlich am spätesten. Wobei die großen Vorbilder natürlich Schicht waren und natürlich Karls Enkel, 1978. Und da war genau das gleiche, dass wir also … ja das erste war eigentlich der Name. Also Brigade ist ja wunderbar, nur muss man ja dazu sagen, unser Gründer, unser Texter, der Kopf der Gruppe, Gerhard Gundermann, der war Arbeiter. Der kam aus der Brigade. Und das ganze Leben unserer Gruppe war eben nicht mehr das eines Singeklubs, sonder das war, wir hatten inzwischen alle Familien, wir hatten inzwischen alle einen Beruf und alles, was wir daneben gemacht haben, war unser zweites Leben. Und genau so war es. Wir haben drei Mal die Woche geprobt, wir haben unterschiedliche Sachen gemacht, wir haben Schauspielunterricht genommen, Gundi [Gerhard Gundermann] ist zum Literaturinstitut gefahren, Alfons [Förster] der Musiker wollte eigentlich ein Fernstudium machen, um da vielleicht Komposition noch besser zu lernen und ich hab mich in Dresden beworben, nachdem die Elke [Martens] von Schicht dort erfolgreich abgeschlossen hatte, dachte ich, na gut, noch eine Elke können sie vielleicht gebrauchen. Und spätestens als ich aber in der Aufnahmeprüfung meinen Brecht gesungen habe, „Wiegenlied“ [Wiegenlieder einer proletarischen Mutter], da war dann die Frage, ob Sie hier wohl richtig sind, junge Frau? Ich habe es trotzdem durchgezogen und jetzt kam genau das gleiche, dass wir ja, Feuerstein und was soll denn das? Ja, wir haben nicht gewusst, dass es da den Fred Feuerstein gab (Lachen aus dem Publikum), sondern das war die Kohle, das war der Brennstoff, das war der Stein, der Feuer gibt. Das war für uns der Funke und genauso haben wir uns gefühlt. Und…es war dann auch in kürzester Zeit eigentlich, dass man sehr skeptisch auf uns guckte, jetzt hatten wir eigentlich zwei Vorteile, die ihr nicht hattet. Wir hatten alle einen Beruf. (Lachen, kurzes Händeklatschen aus dem Publikum) Also uns konnte man nichts wegnehmen. Ja, uns konnte man nichts wegnehmen. Ich bin jeden Tag um sieben in die Schule gegangen und bin um drei oder um vier wieder nach Hause gekommen und der Nächste ist auf den Bagger gegangen und Conny [Cornelia Gundermann] ist in ihre Datenwerkstatt, in ihr Datenbüro gegangen und wir hatten unsere Berufe und wir haben gesagt, gut, wir machen am Wochenende Programme und wir machen unsere Sachen und wer uns haben will und uns hören will, aber ihr könnt uns hier nichts wegnehmen. Ja so wie eine „Pappe“ oder dies oder jenes. So. Und wir hatten ja dann auch, sage ich mal, unser Spektrum sehr schnell erweitert aus den, sage ich mal politisch-gesellschaftlich interessanten Themen, die in sogenannten „Bausteinen“ bei uns abliefen, sehr aktuell politisch auch, nicht, da gab es, als in Polen der Umbruch war, die „polnischen Varianten“, wo wir also da mal ein bisschen geguckt haben, was da los ist und wo wir über die Situation in der Kohle gesprochen haben, da hatten wir ja nun den Fachmann, Gundi war Baggerfahrer, der wusste genau, was dort los ist und was dort abgeht und als der Winter ´78/79 kam, da hatten wir schon vorher das Programm fertig, wo am Ende die letzte Kohle in das große Riesenrad reingepumpt wird, damit die große, die großen Festspiele stattfanden und die Leute zu Hause gesessen haben und gefroren haben, aber wenn jemand gesagt hätte, ihr dürft das nicht mehr, ja Bitteschön, dann machen wir es eben nicht mehr, aber wir haben trotzdem immer unsere Bühne gehabt und haben dann ja nebenbei noch zum Beispiel Tanzmusik gemacht, wir haben die Leute ja gefesselt mit einem ganzen Abendprogramm, das sogenannte „Spectaculum“, nicht, wo wir also politische Themen bedient haben und da wurde getanzt und nebenbei haben wir noch gekocht und haben das (lacht auf) Essen verkauft und den Schnaps ausgeschenkt. Und- wir hatten natürlich, ja, ich weiß nicht, ob bewusst oder unbewusst, vorgearbeitet: der Stadtrat für Kultur in Hoyerswerda war Mitglied der Brigade Feuerstein  (Lachen aus dem Publikum) Ja. Die drei Klubleiter, in Hoyerswerda entstanden drei Klubs, diese Jugendklubs, da waren also alle drei Mitglied der Brigade Feuerstein beziehungsweise in der, eben auch, so wie ihr vorhin gesagt habt, beim Oktoberklub gab‘s noch so einen Klub extra, hatten wir das auch. Also ein Klub, der uns unterstützt hat, wenn wir auf der Bühne standen, haben die die Eierkuchen gebacken und die Leute eingelassen und den Alkohol, oder Nicht-Alkohol verkauft, wie auch immer und…ja das war also die Kulturszene in Hoyerswerda. Also Berlin hatte ja Gott sei Dank noch ein bisschen mehr. Hoyerswerda hatte aber kein Theater, Hoyerswerda hatte ein kleines Kino und die Kulturszene in Hoyerswerda, das war Feuerstein, das war „Feuersteins Musikpalast“, so hieß unser kleines, unser kleiner Klub (jemand unverständlich aus dem Podium) – ah da haste aber Glück gehabt, so, und da wär schon was weggebrochen, also das war schon, ich sag mal das war schon bestimmt auch den Leuten bewusst, dass da und dann kamen Kinderprogramme dazu, also das war so vielseitig, dass man vielleicht manchmal sagen (aus dem Podium: Folkfestival) – Folkfestival natürlich, Pfeffi [Reinhard Ständer], der ja hier ganz aktiv in dieser Szene war, also es war zu viel vielleicht, vielleicht, jetzt ohne das herabzuwürdigen, war euers eben zu einseitig… und wir haben so viel, was wollte man an einem Märchen von der Schnee- oder Fernsehkönigin, Fernseh-Schneekönigin, nicht, dass die Kinder zu viel Fernsehen gucken, ja, also, es war vielleicht … vielseitiger. Und wir hatten unsere beiden Beine auf dem Boden der Realität. (lacht)

Mensching: Es ist interessant, wie so die alten Vorurteile jetzt wieder hochkommen, ja? (allgemeines Gelächter, Beifall) Sehr interessant. Also ich muss dazu sagen, wir haben auch alle einen Beruf gehabt (allgemeines Gelächter), der war nur nicht so praktisch, ja, wir sind ja alle Aka demiker, ich hatte als einziger keinen Beruf, ich habe auch mal ein Fernstudium auch beendet. Ja, die Versuche, ich meine was gemeinsam zumindest bei Schicht, Feuerstein und Karls Enkel, bei den Folkbands sicherlich auf eine andere Art, ihr habt so eure Nische gesucht, gefunden glaube ich. Wir, diese drei Gruppen, haben glaube ich wirklich versucht, ästhetisch Neuland zu entwickeln, unterschiedlicher Art, klar, ihr habt sozusagen dieses kulturelle Monopol gehabt, in Hoyerswerda, das ist sicherlich ein Fakt, ihr hattet diese, diese Hütte da und die habt ihr 24 Stunden bespielt mit allen Formen. Wir haben glaube ich unterschiedlich, Schicht und Karls Enkel, versucht, auf verschiedenen ästhetischen Ebenen zu arbeiten und vorhin in der Ankündigung wurde ja so gesagt, dass die Singebewegung nach ´73 also nach den Weltfestspielen in die Krise kam, das mag zeitlich stimmen, ursächlich ist das glaube ich zu kurz gegriffen und ich weiß auch nicht, ob diese Veränderungen, die ich jetzt beschrieben habe, wirklich an diesem Zeitpunkt einsetzen. Sie setzen eigentlich später ein, sie setzen Ende der 70er Jahre ein, ´78…naja bei uns schon, ich glaube bei denen, die mehr auf das Theater gegangen sind in diesem Saal- du kannst gleich- ich will nur sagen, Bob Dylan hat nie Theater gemacht, Joan Baez, die haben weiter ihre Songs geschrieben. Warum, das sollte man vielleicht, wir haben noch zehn Minuten, um sozusagen da inhaltlich jetzt ein bisschen weiter zu arbeiten, warum zu dieser Form oder überhaupt die Suche nach einer anderen Form und war das von allen in der Gruppe auch gewollt oder haben sich da sozusagen bestimmte Kräfte nur durchgesetzt? Wie war es bei euch und dann Stefan, du vielleicht.

Rump: Ich würde mal anfangen. Also wir wollten ursprünglich eigentlich nur als politische, als Lied-, als Gruppe des politischen Liedes arbeiten. Dafür kriegten wir keine Genehmigung. Und ein paar Leute haben gesagt, dann machen wir ein Theater auf, vor allem weil Karin [Wolf] dabei war und dann kriegten wir tatsächlich ein Stück Studiotheater. Das lief ja über Jahre. ´77 waren wir dann zehn  Leute. Waren wir, war nicht gleich. So. Ich habe ´76 plötzlich einen Posten gekriegt, der hieß Chefdramaturg des Kulturpalastes, erschreckt nicht, für 900 Mark (lacht) bin ich der Chefdramaturg gewesen, das hieß einfach so, man musste was drauf schreiben. In Wirklichkeit konnte ich also jetzt Programme schreiben. Die Wahrheit war nur, nun ging auch der Vorhang auf, zwei Mal in der Woche. Und der muss aufgehen. Außer den Tourneen, die wir gemacht haben, d.h. du kommst automatisch schon daher zu Formen, in denen du überhaupt was reproduzieren kannst. Das spielte bei uns wirklich eine Rolle. Das Theater hat sich entwickelt als eine Alternative, wir hatten plötzlich ein Theater. Später hat uns das nicht mehr genügt und wir haben ein Kino in Reick aufgemacht, das war auch wieder eine Konsequenz. D.h. die Dinge haben nicht vorher alle das Vorüberlegte. Sozusagen wir begannen „Made in GDR“, das war so ein Startprogramm, da ging‘s darum, dass VEB Ofen und VEB Krug nicht miteinander können, obwohl im Ofen die Krüge gebrannt werden. Das war etwa die Grundvorstellung von GDR, die wir hatten und (lacht) das war durchaus gar nicht falsch, das ganze Problem. Ja das nächste war „P16“, (Mensching: „P16“ war…?)  „P16“, junge Leute und von einem zum anderen kam „Till Ulenspiegel“, das war vielleicht das hochkarätigste, was wir machten, wir machten also ein ganzes Programm über die niederländische Revolution gegen die spanischen Habsburger mit der Hauptrolle eines Till Ulenspiegels nach De Costa und im Hauptlied, das hieß „Ulrike“, Ulrike Meinhof, nie genannt, natürlich hieß es so, sozusagen, das waren so die Untertexte in denen das entstand. Dann kam auch irgendwann auch der Bruch, der erste, bei Schicht, wo gehen wir hin? Wieder zurück zum Konzert, zu Konzertformen, die wir nie aufgegeben hatten? Das probierten wir drei Jahre mit „Renn gegen die Wand“ , hochinteressant nachträglich zu gucken, was wir so unterschiedliches alles ausprobiert hatten, dann hatten wir wieder ein Theater, nämlich dieses Reick, im Kino, ja und dann mussten wir drei Mal in der Woche spielen. Und das bestimmt dann alles. Ja und dann sage ich nur: Es gibt eine unterschiedlichere Weise auch politisch zu sein, es gibt die Anspielung, es gibt das, wo die etwas minderbemittelten sofort mitkriegten, was los war, auch um es zu verbieten. Ich weiß noch, wie mich mal ´86 ein Intendant anrief, des Staatsschauspiels, der damalige und sagte, ,Du traust dir was‘, ich sage, ,Was traue ich mir?‘ ,Du traust dir ein Stück über die Konterrevolution in Ungarn ´56, 30 Jahre danach auf die Bühne zu stellen? Das hätte ich nicht durchgekriegt.‘ Ich kriegte es durch, warum kriegte ich es durch, weil ich eigentlich alles selber bestimmen musste und die Gruppe, offiziell gab es nie eine Abnahme, deshalb steht nicht eine Uraufführung des Schichttheaters auf dem Uraufführungskalender der DDR. Aber ich brauchte nie eine ministerielle Genehmigung. Es gab allerdings dann auch ein paar andere Probleme, ja, die gab‘s natürlich. Also es waren unterschiedliche Räume, die wir genutzt haben und manchmal sind sie erst entstanden, die wusste man nicht vorher.

Körbel: Ich versuch‘s ganz kurz. Der erste Punkt, wir waren natürlich in einem kulturellen Umbruch, der mit ´68 losgegangen ist. Der strahlte natürlich auch nach Osteuropa in unsere sozialistischen, realsozialistischen Länder. Der hieß irgendwie so: Emanzipation des Individuums. Wir haben zu diesem Zeitpunkt, [Stephan] Hermlin hat uns da geholfen, begriffen, den Satz von Marx: „Eine Gesellschaft, in der die freie Entwicklung des Einzelnen die Bedingung für die freie Entwicklung der Gesellschaft ist.“ Es war ein großer Emanzipationsprozess, der fand in der Literatur statt mit Christa Wolf, mit Braun, der fand im Theater statt, der fand dann natürlich bei uns irgendwie auch statt.   Das konnte gar nicht mehr so ideologisch beschränkt zugehen.

Mensching: War aber ´76 natürlich deutlich unterbrochen, das darf man nicht vergessen.

Körbel: Der war unterbrochen und dann, das wollte ich als zweites sagen, dann passierte was Eigenartiges. Mit dem Biermann-Crash war die ganze Kulturpolitik der DDR nach meiner Wahrnehmung eigentlich nur noch darauf beschränkt, Skandale zu vermeiden. Also eigentlich haben sie nur, sie hatten keine Kulturpolitik mehr, von sozialistischem Realismus war keine Rede mehr, sie haben nur noch gehofft, dass irgendwo, dass irgendwie das alles noch irgendwie zu händeln geht und wir konnten unter diesen-, unter dieser Prämisse konnten wir machen soweit es nicht sozusagen nicht die gesetzten Grenzen ankratzte. Krawczyk hat sie dann meinetwegen angekratzt, na klar. Aber unter dieser Prämisse, die lassen uns in Ruhe, so weit wir- und wir hatten ja natürlich auch Verbündete unter den Funktionären, es ging ja bis, sozusagen, im Falle von Karls Enkel war es so, dass der Berliner Kultursekretär der FDJ, Norbert Seichter, ein Fan von uns war, der sprach nur noch in Karls Enkel Zitaten und er verkrachte sich mit dem Zentralrat, als Berliner Kulturfuzzi der FDJ. Ja, sowas gab‘s auch und ich meine, es ging damals, es war eine Bewegung, die in eine emanzipatorische Richtung leuchtete, wie wir damals glaubten, die uns auch getragen hat, die uns auch getragen hat und dann waren solche Verbote oder solche, ja (lacht kurz auf), Polizeiverhaftungen in Merseburg oder so, relativ unwichtig.

Mensching: Wir hatten zum Beispiel einmal diese sehr schöne Situation, dass wir eins der ersten Programme, wurde ja heute auch gezeigt, „Pilger Mühsam“, wo wir mit fremden Texten gearbeitet haben, eben nicht mehr mit eigenen Texten, weil das zu viele Probleme gebracht hatte, da haben wir gesagt, O.K., dann machen wir einen Mühsam-Abend und reden mit Stimme dieses anarchischen, von den Nazis umgebrachten, jüdischen Dichters. Das war ein explosiver Abend, glaube ich, das hat man in dem Filmausschnitt nicht so richtig gesehen, aber das war schon ein sehr frecher, in der Volksbühne stattfindender Abend und da kriegte der Intendant, Herr Rödel, der ein sehr mutiger und auch kunstsinniger Mensch war, der kriegte kalte Füße. Am Vorabend der Premiere. Das weiß ich noch wie heute. Der wollte, soll ich das, darf ich das rauslassen, so eine freie Gruppe hier im Sternfoyer in der Volksbühne, sowas machen lassen und da hatten wir mit dem stellvertretenden Kulturminister der DDR Herrn [Klaus] Höpcke ganz gute Beziehungen, weil der fand unsere Sängerin so attraktiv und kam gern zu unseren Vorstellungen und den luden wir ein, hatten wir eingeladen und da haben wir zu Rödel gesagt, ,lieber Herr Rödel, der stellvertretende Minister kommt‘ und dann war das Ding gegessen sozusagen, dann stand der früh am Abend im Foyer, begrüßte den Minister und irgendwie, die eine Seite wusste nicht, wer sozusagen, wer ist eigentlich verantwortlich und so lief es durch.

Körbel: Das war das komische, man konnte die Verantwortungen auch so wunderbar gegeneinander ausspielen. Wer konnte denn was gegen den Kulturbund sagen? Das machte das Kulturministerium nicht so einfach und uns Ursel [Ursula] Ragwitz, die Chefin der Abteilung Kultur des ZK der SED, hat sowieso nicht so richtig verstanden, was die da unten alle so im Keller machen. (Lachen aus dem Publikum)

Mensching: Ja darüber könnte man sicher noch lange referieren und nachdenken über solche Absurditäten dieses eigenartigen Landes DDR, ich glaube, man kann sich immer nur annähern, indem man wirklich mal solche Schnurren auch mal versammelt und … um diese, ja, etwas surreale Welt vielleicht ein bisschen hochzuholen. Vielleicht ist uns das so ein bisschen in Ansätzen geglückt, warum es nun, vielleicht kommt auch noch hinzu, wenn man vielleicht doch noch einen Blick in die Zeittafel der ´70er Jahre wirft – es war ja nicht nur Biermann, es war natürlich auch eine politische Situation, wieder ein, nach Brežnev, sozusagen kurz Andropov, dann kam Černenko, es war wieder ein, ich weiß noch genau, wir probten damals im Reick-Kino bei euch und machten irgendeine Sache mit Schicht zusammen, Wenzel und ich und da starb Andropov. Und Černenko kam wieder ans Ruder sozusagen. Und diese Spiele von, sozusagen, ich meine heute ist man in einer anderen Situation, wenn wichtige Positionen ausgewechselt werden, dass man wieder sagt, ja was, wohin wird diese Welt, diese Erde sozusagen gerissen, damals war es ähnlich, Brežnev stirbt, er – und völlige Unsicherheit, was passiert in der Sowjetunion und klar ich meine, der NATO-Doppelbeschluss ist ´79, d.h. in diesem Zeitraum passiert in Europa enormes in, in, in der Bundesrepublik ist die, sind die späten 70er Jahre eben die Jahre der RAF, der aktiven, des aktiven Linksterrorismus und ich glaube, auch vor diesem Hintergrund hat man sich – ein eigenes biologisches Alter kommt sicherlich auch dazu, dass man nicht mehr so ganz jung war, sondern ja irgendwie Mitte/Ende zwanzig wurden wir alle, wo man sagt, sich gesagt hat, jetzt müssen doch irgendwie… jetzt muss ich grundsätzliche Fragen stellen, ich will mich nicht mehr abspeisen lassen, entweder ich entscheide mich hier ernsthaft, meine Stimme zu erheben oder ich ducke ab oder ich gehe, auch diese Möglichkeit gab‘s natürlich auch noch, in den Westen und versuche dort mein Glück irgendwie… sozusagen die Ausreise zu realisieren, was viele auch als eine Möglichkeit für sich gesehen haben. Die, die es nicht gemacht haben, mussten für sich irgendwie eine Antwort finden und wenn sie Kunst gemacht haben, dann eben eine, die für die Bedingungen stimmte, aber natürlich auch für seine eigene Verantwortung, die man für sich selbst hat. Wir haben so manches angerissen, ich bin gebeten worden, ganz deutlich auf die Uhr zu achten, um hier nicht irgendwelche Ausrisse zuzulassen. Der Raum wird dann geräumt werden in wenigen Minuten, (Lachen aus dem Publikum) aber jetzt gibt’s noch die Chance eine Viertelstunde lang Fragen aus dem Publikum zu stellen und die wir dann möglichst versuchen werden zu beantworten, wenn‘s denn Fragen gibt. Aus der ersten Reihe wurde schon viel gefragt, gibt’s noch andere, vielleicht andere Diskutanten? Ich bin da demokratisch. Ja, dort. Da gibt’s ein Saalmikrofon, das steht dort, damit alle was verstehen, nicht wie bei Stefan. (Gelächter vom Podium)

Dame aus dem Publikum: Die Frage an Bernd, ich weiß nicht, ob du dich an mich erinnerst, an die Regine. Du hast vorhin…

Rump: Ja.

Dame aus dem Publikum: Du hast das vorhin schon erwähnt, dass die Songgruppe ja damals, die sich, also Schicht war ja schon abgespalten, ich hab ´75 angefangen zu studieren in Dresden an der TU und bin praktisch ganz neues Mitglied gewesen.

Rump: Du warst mit dabei?

Dame aus dem Publikum: Ich war die Regine. (lacht, allgemeine Heiterkeit)

Rump: Toll.

Dame aus dem Publikum: Damals in dem Programm, also der Text, wo du, das wusste ich nicht, dass das dein, was hast du gesagt, das war dein Text?

Rump: War meine Praktikumsarbeit.

Dame aus dem Publikum: Ja, deine Praktikumsarbeit, dass die also auf der einen Seite wohl wohl gelitten und auf der anderen Seite zerstörerisch war sozusagen. Mich würde einfach mal interessieren, was du da noch weißt aus der Zeit, weil mich beschäftigt das im Nachhinein immer noch stark, die Gruppe ist ja damals total da dran zerbrochen und für mich als ganz ganz junges FDJ-Mitglied und voller Enthusiasmus und, ach, ich will die Welt verändern, für mich ist damals eine Welt zusammen gebrochen irgendwo an der Stelle und das war für mich ganz fürchterlich, weil ich nicht verstanden habe, warum so etwas passiert ist.

Rump: Warum? Weil die Biermann-Geschichte dazwischen lag.

Dame aus dem Publikum: Ja. Sicherlich, die Biermann-Geschi…

Rump: Weil einfach man nach Biermann weitere Biermanns suchte, in der Provinz wurden Biermanns gesucht. Einer, der gesucht wurde, war ich. Aber es gab Leute, die haben verhindert, dass ich das dann war. Aber … an der TU haben sie es nicht verhindert und ich glaube, da haben sie sogar welche rausgeschmissen, ich weiß nicht, wie weit das wirklich ging, ich weiß nicht, ob da überhaupt Hasche im Saal ist? Schade, bei dem will ich heute übernachten, denn der weiß es vielleicht genauer.

Dame aus dem Publikum: Nein, der Eberhard Hasche, also wir haben dann ja noch weiter gemacht, auch nach dem Programm haben wir noch … etwas weiter gemacht. Ich weiß nicht, ob er rausgeschmissen wurde, auf jeden Fall kann ich mich noch sehr gut an ihn erinnern und er war ja jetzt im April auch hier zum OK-Treffen, wir ich das immer nenne, wenn ihr euch hier trefft und da hat er auch mit im Programm mitgemacht.

Rump: Nein rausgeschmissen wurde der nicht, aber es wurde im Grunde die Gruppe weitgehend demontiert. (Dame: Ja, auf jeden Fall.) Also es gab auch Leute, die richtig Schwierigkeiten kriegten und du wirst nie dahinter kommen, wer es wirklich ausgelöst hat. Es hat einfach Folgendes nicht gepasst: Nachträglich gesehen, wer von Volker Braun die unendliche Geschichte kennt, die ist etwas mehr bekannt als „Regine Programm“, ist etwa zeitgleich entstanden, hat dasselbe Problem. Also einfach ein Problem zwischen jungen Leuten, die arbeiten und Eltern, die mehr oder minder Funktionäre sind. Dieses Thema aber haupt-, auf die Tagesordnung zu setzen durch ein Programm, damit direkt Leute zu erreichen, war halt noch nicht möglich, oder nur schwer möglich. Und genau darum ging es und das wurde gesucht. Ein halbes Jahr vorher wäre nichts passiert, ein Jahr drauf wäre es auch halbwegs glimpflich gegangen, das war eine sehr dumme Zeit.

Dame: O.K., danke. (Beifall)

Mensching: Ich denke, es ist auch so, bestimmte Bündnisse sind immer nur eine bestimmte Zeit gültig und möglich und wenn sich Lebenswege trennen, ist das auch glaube ich auch was ganz normales, das gab es glaube ich in allen Gruppen, dass bestimmte Leute, Stefan ist eine gewisse Zeit auch ausgestiegen, weil ihm, kann er auch selber sagen, wenn er ins Mikro spricht, (Lachen aus dem Publikum) du bist ausgestiegen, weil du mit einer gewissen Entwicklung nicht zufrieden warst, oder? Und bist dann wieder eingestiegen zu anderen Projekten?

Körbel: Ja, ich habe aber jetzt ganz schön viel gesprochen. (Lachen aus dem Publikum) Reinhold hat – ja ich kann auch was dazu sagen, aber – die Gruppe Karls Enkel war in den ersten fünf Jahren eine basis-anarchistisch-demokratische Kunstvereinigung, wo jeder gleichberechtigt war. Irgendwann wurde das aufgegeben, weil wir Theater gemacht haben, weil mit diesem Bekenntnis zum Theater eine Hierarchie eingezogen ist, die die Gruppe verändert hat. Das war ein Grund.

Mensching: Da muss ich mit dir natürlich, könnte ich mit dir jetzt polemisieren, das war sicherlich nicht der einzige Grund, beziehungsweise, ich glaube nicht, dass wir … aber das ist eine innerbetriebliche Diskussion, die wir vielleicht wirklich jetzt nicht führen müssen, (Lachen aus dem Publikum) demokratische Prinzipien aufgelöst haben. Das, ich weiß, du hast (Körbel: Doch, haben wir.) die Meinung, Wenzel und ich, (Körbel: Haben wir.) wir hätten sozusagen diktatorisch quasi die Sache übernommen. (Körbel: Stefan, haben wir.) Das, ja, (Körbel: Nein, haben wir.) gut, wenn man Theater macht. (Körbel: Wir haben demokratische Prinzipien aufgelöst) Naja, aber- (Körbel: und es war in der künstlerischen Entwicklung in der Gruppe war das O.K.) Lieber Stefan, Demokratie und Kunst, entschuldige, ich wurde immer gedrängt, den richtigen Ton zu singen, ich habe mich nie beschwert, dass das Diktatur ist, obwohl es das auch war. (Körbel: Ja.) Das gehört nun mal dazu. (Lachen aus dem Publikum)

Körbel: Das ist ja- die Frage ist ja bloß – mag man’s oder mag man’s nicht.

Mensching: Das stimmt. O.K., da können wir uns drauf einigen. Entscheidend ist doch, glaube ich, aber, dass man für bestimmte Zeiten eine Entwicklung mitmacht und wenn man meint, diese Verhältnisse, die sich so gestalten, sind nicht die meinen, in die passe ich nicht hinein, entscheidet man sich für einen anderen Weg.

Körbel: Natürlich. Und ich kann dir sagen, ich habe noch nie gelitten in diesem-, oder, ich habe nie wieder und nie vorher und nie nachher gelitten in diesem Leben so, wie als ich aus Karls Enkel ausgestiegen bin und deswegen bin ich ja nach drei Jahren auch wieder dazu gekommen.

Mensching: Geläutert. Und ich glaube- (Lachen, Beifall aus dem Publikum) Ja.  Ja, ich glaube in Zukunft, es wird ja jetzt ein bisschen gemütlich, vielleicht sollte man auch noch sagen, dass es natürlich auch innerhalb der Sicherheitsorgane dieses Landes durchaus Bestrebungen gab in den Gruppen Mitarbeiter zu haben, die dafür gesorgt haben, dass Informationen aus den Gruppen heraus gelöst wurden und auch da, wenn es zu besonders… kritischen und kreativen Entwicklungen kam, Störmanöver einzubauen. Auch das gehört, glaube ich, zum System des Kulturbetriebs in der DDR und das war bei uns, und ich weiß nicht wie bei anderen, sicherlich ähnlich der Fall. Die waren natürlich immer dabei, sie haben aber uns nicht dominiert, das ist glaube ich der Unterschied zu anderen Betrieben oder Kulturbetrieben, in denen wir gearbeitet haben.

Körbel: Na, wir hatten niemanden in der Truppe, der so intelligent war, uns von innen heraus zu zersetzen.

Mensching: Ja, eine Wortmeldung.

Norbert Seichter: Ja eher weniger eine Frage, vielleicht eine kurze Bemerkung. Also mein Name ist gefallen, ich heiße Norbert Seichter, ich war damals, genau in dieser Zeit, Kultursekretär der FDJ-Bezirksleitung hier in Berlin. Ich will auf zwei Dinge nochmal hinweisen, damit eine bestimmte Dialektik auch sichtbar wird aus der Sicht der FDJ. Also ich war nicht nur ein Fan von Karls Enkel und Bernd Rump und ich kennen uns und Reinhold Andert und ich, wir kennen uns. Wir kennen uns übrigens auch aus der Poetenbewegung und dann später bei Karls Enkel, ja es waren, ja wie ist das, es gibt immer kluge und dumme Menschen. Und… wenn man in dem gleichen Alter in etwa ist und wenn man in etwa das gleiche Ideal hat, dann ist der Unterschied nicht so sehr groß, der eine, oder die einen, arbeiten mit ihren künstlerischen Mitteln und die anderen versuchen es zu fördern. Und ich will nur auf den Aspekt, der trifft genauso auf die Folklorebewegung zu, aufmerksam machen. Es gab großen Argwohn und das hatte natürlich auch etwas mit Biermann zu tun, aber nicht nur. Alles, was eben nicht wie „Die junge Welt ist in Berlin zu Gast und sie schert sich nicht drum, ob es dem Feinde passt“, Reinhold, das war das Lied, über das du vorhin gesprochen hast zu den Weltfestspielen und wir mussten als Funktionäre um den Tisch marschieren nach der Musik, damit sie uns eingeprägt war, (Lachen aus dem Publikum) welch eine Idiotie! Und auf der anderen Seite-

Körbel: Ist ja auch eine Existenz.

Norbert Seichter: Ja. Jaja. … Und auf der anderen Seite eben Leute, die, ich sage jetzt einfach mal, Festival des politischen Liedes, wenn ich mich in diesem Saal hier umschaue, dann sehe ich viele, die ich aus dieser Zeit kenne, diese Zeit hat uns gemeinsam geprägt, weil wir gemeinsam etwas wollten. So nun spreche ich nicht für die ganze FDJ und ich spreche auch nicht für die ganze Partei und ich kenne die verkrusteten Strukturen und nicht umsonst ist das irgendwann mal zu Ende gewesen, aber die, die in dieser Zeit versucht haben etwas anderes zu machen, auch Internationalität hinein zu holen entsprechend unserem Ideal übers Festival, die haben sich das bewahrt und ich denke das ist das Schlechteste in dieser Zeit heute nicht. (Beifall)

Wolfgang Leyn: Ich kenne Norbert Seichter nicht persönlich, aber ich habe 1978 bis 1982 im Haus der jungen Talente in Berlin, dem größten Jugendklubhaus, was es gab in der DDR-Hauptstadt, dieses Folklore-Festival mit veranstaltet und ich glaube die ersten vier, da waren Sie noch irgendwie in der FDJ-Bezirksleitung und beim 5. [Festival] kam dann irgendwie ein dummer Mensch als Nachfolger. Und es gab gleichzeitig Probleme im Magistrat, d.h. es gab dann den ukaz [Erlass, russ.], dass sämtliche Texte von sämtlichen Bands, die da auftreten sollten, vorgelegt werden sollten und der Stefan Paubel, der Stoffel, der auch her im Saal ist, der im Singezentrum war, der wusste natürlich, wenn man das den Gruppen vortragen würde, wäre das Festival gestorben, weil das macht keiner mit. Also was hat er gemacht, er hat die DT-64-Liederbücher, sieben Stück an der Zahl, genommen, hat überall, wo ein Volkslied drin war, einen Zettel reingelegt, hat das zum Magistrat getragen, in das Sekretariat gelegt und gesagt: ,Das singen die.‘ (Lachen aus dem Publikum) Damit war das Festival gerettet. (Beifall)

Mensching: Ja, wir liegen ganz gut in der Zeit, ich will vielleicht bei dem, was Norbert Seichter gesagt hat, mal anschließen. Klar kann man das so drehen und ich bin auch geneigt, es so positiv ausklingen zu lassen, dass da viel entstanden ist, was uns geprägt hat, was weiter gewirkt hat, was heute noch wirkt, bei den Leuten, die hier sind. Aber man kann es natürlich auch etwas anders akzentuieren und man kann sagen, warum um Gottes Willen hat man nicht dafür gesorgt, dass diese Kreativität, dieser Wille, eine andere Gesellschaft zu etablieren, erfolgreicher gewesen ist, dann wären wir nämlich nicht in der Scheiße, in der wir heute stecken. (Beifall und Beifallrufe aus dem Publikum)