Interview José Alejandro Delgado 2009

José A. Delgado und Band

Stefan Koerbel: Ein Höhepunkt unseres Festivals wird zweifellos unser weit gereistester Gast sein. Aus Venezuela begrüßen wir ganz herzlich José Alessandro Delgado. Herzlich willkommen in Berlin. Mit Lateinamerika ist es immer am schwierigsten zu verhandeln. Die Absprachen gehen über einen Ozean und manchmal hat man den Eindruck, dass der Ozean kocht. Erst seit drei Tagen sind wir gewiss, dass er kommen würde. Um so mehr freuen wir uns, dass es geklappt hat. Maßgeblich dazu beigetragen hat die Botschaft Venezuelas, ohne deren Unterstützung dieses Konzert nicht möglich gewesen wäre. Wir freuen uns auch, dass wir schon zum zweiten Mal Künstler aus Venezuela einladen konnten. Das sieht ja schon fast nach einer Kontinuität aus. Erzähl mal ganz kurz: wie kam die Einladung zu Euch?…

J.A.Delgado: Es gibt eine Freundin des Festivals, die Katrin …

S.K.: … Katrin ist Mitglied unseres Vereins, die nach Venezuela ausgewandert ist …

J.A.D.: …sie ist Musiklehrerin und –forscherin und hat uns zum Festival gebracht.

S.K.: Habt ihr eine Idee, was das Festival Musik und Politik eigentlich ist? Habt ihr vor dem Kontakt zu Katrin schon von ihm gehört?

J.A.D.: Nein. Sie hat mir das erklärt. Welche Tradition es hat und welche großartigen Künstler aus Venezuela schon auf ihm gespielt haben. Ich fühle mich sehr geehrt, hierher eingeladen zu sein.

S.K.: Jose, wie kamst Du zur Musik?

J.A.D.: Venezuela ist ein Land mit musikalischer Seele. Musik ist integriert in unser Leben von Geburt an. Musik ist der Ausdruck, den wir am meisten benutzen. Ich bin mir auch sicher, dass wir durch die Musik unsere Seele definieren.

S.K.: Nun ist es ja so, dass du auch Texte machst, auf die die Leute hören. Es wird ja allgemein immer behauptet, dass alle Musik zum Tanzen gemacht ist?

J.A.D.: Ja es sind meine Texte, die meisten jedenfalls. Aber auch der Tanz ist Teil der Kommunikation.

S.K.: Was sind Deine Einflüsse, Vorbilder?

J.A.D.: Die wichtigsten Einflüsse sind die der venezolanischen Kultur. In meinen Studien habe ich mich darauf konzentriert auf welche Weise sie sich mit der Musik verbinden. Es gibt Elemente, die einem sehr helfen können, dass die Dinge authentisch und leicht eingängig sind. Aber ich mache auch andere Art von Musik, karibische Musik, bin auch von städtischer, kubanischer und spanischsprachiger oder afrikanischer Musik beeinflusst.

S.K.: Würdest Du sagen, dass Deine Identität eine venezolanische ist?

J.A.D.: Nein. Der Rahmen ist ein lateinamerikanischer. Die Sprache verbindet uns trotz der Abweichungen und Verschiedenheiten. Mein Kulturraum ist der karibische.

S.K.: Zum Themenkreis Deiner Lieder: Was interessiert Dich? Was inspiriert Dich?

J.A.D.: Sie sprechen von Alltäglichen. Ich sehe das Lied als ein Werkzeug zur Sensibilisierung und Beschreibung menschlicher Probleme. Um sich an das Individuum zu wenden und um ins Innere zu gehen. Ich denke, zuerst müssen die Menschen sich ändern, um eine andere Welt, eine andere Gesellschaft zu kreieren.

S.K.: Nun sind in den letzten Jahren in Venezuela ziemliche Veränderungen passiert, so dass die Augen der Welt mit Interesse auf Venezuela schauen…

J.A.D.: … ja. Sehr große. Ich habe das Glück, dass ich mit ganz tollen Musikern zusammenarbeite, die sich für Menschlichkeit einsetzen und verschiedene Instrumente spielen. Meine Musiker sind in anderen Teilen der Welt gewesen und sagen mir, dass Venezuela jetzt sehr bekannt ist, dass man sich mit unserem Land nun sehr beschäftigt. Und wir, in unserem Selbstverständnis als kulturelle Botschafter empfinden eine große Verantwortung, wenn die Augen der Welt auf uns gerichtet sind.

S.K.: sind Deine Lieder Bestandteil der Umwälzungen in Venezuela? Gibt es Lieder zu konkreten Anlässen?

J.A.D.: Ja. Es gibt Lieder für spezifische Momente. Es sind mehr offene Lieder, die nicht genau das widerspiegeln, aber sich darauf beziehen. Ich habe so etwas, wie einen Temperaturmesser, womit ich die Temperatur meiner Lieder in Erfahrung bringe. Die Leute legitimieren die Arbeit, die wir machen.

S.K.: Wie sind die Arbeitsbedingungen, die Auftrittssituationen in Venezuela?

J.A.D.: Die Strasse hat viel aufgeweckt. Vieles, was auf der Strasse stattfindet, steht mit sozialen Ereignissen in Zusammenhang. Und dort sind auch wir immer. Viele Wege haben sich von dort aus geöffnet. Es gibt aber auch viele Konzertsäle, in denen man sich kostenlos unsere Konzerte anhören kann.

S.K.: Ist das Bestandteil von Chavez neuer Politik?

J.A.D.: Ja. Das ist Staatspolitik.

S.K.: Und gibt es auch gute Möglichkeiten der Mediennutzung, Fernsehen, CD-Produktionen?

J.A.D.: Es gibt transnationale private Medien, die zur Verfügung stehen. Seit der Revolution müssen wir kämpfen darum. Das sind Dinge, die mit materiellen Werten zu tun haben. Aber seit zehn Jahren haben sich viele Räum geöffnet. Es gibt öffentliches Radio, das man nutzen kann und der Staat hat auch in einen Länder übergreifenden Fernsehkanal investiert, der sehr beliebt ist. Ungefähr wie der CNN aber auf spanisch.

S.K.: Vielen Dank, José, für Deinen Beitrag. Wir freuen uns sehr auf Dein Konzert.

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