Interview Wolfgang König, multicult 2.0, 2009

Danja Schilling: Hallo und herzlich willkommen, Wolfgang König. Du bist Ex-Radioredakteur und -moderator von Radio Multikulti und einer der Begründer und Mitarbeiter von Radio multicult 2.0. Außerdem spielst Du mit Deinen Kollegen als Los Multikultis unser Abschlusskonzert hier auf unserem Festival Musik und Politik. Eure Bandtätigkeit und Euer Konzert soll jetzt nicht unser Thema sein, weil uns aktualiter andere Dinge brennend interessieren.Stichworte: multicult 2.0 Hintergründe, Aktuelles und Zukunftsmusik.
Dein Namensvetter Hartmut König, Ex-Liedermacher der Singebewegung Ost forderte von seinen sozialistischen Brüdern und Schwestern in den 60er Jahren, sich die Glaubensfrage zu stellen. Ihr von multicult 2.0. habt Euch einen Namen gemacht als unerschütterliche Überzeugungstäter mit Firmenphilosophie und Programmprinzipien. Meine erste Frage deshalb an Dich: Sag mir wo multicult 2.0 heute steht und welchen Weg ihr geht?

Wolfgang König: Am 31.12.08 um 22 Uhr wurde Radio Multikulti abgeschafft und wir sind im gleichen Moment auf Sendung gegangen. Bisher senden wir nur via Internet. Das hat damit zu tun, dass UKW-Frequenzen eine begrenzte, natürliche Ressource sind und die zur Zeit alle belegt sind. Das heißt wir warten darauf, dass mal wieder was frei wird. Bei über dreißig Radiosendern in Berlin ist das immer wieder mal der Fall, dass der eine oder andere doch aufgibt. Aber wann das dann genau sein wird, kann man eben nicht sagen. D.h. wir sind im Moment noch auf`s Internet beschränkt. Durch Internetradiogeräte ist das aber nicht mehr an den Rechner gebunden. Wir haben uns sagen lassen, dass in bestimmten Elektronikgroßmärkten in Berlin seit Anfang Januar der Absatz an solchen Geräten sprunghaft in die Höhe gegangen sein soll. Das hat vermutlich auch was mit uns zu tun.

D.S.: Was passiert derzeit programmatisch bei multicult 2.0?

W.K.: Noch machen wir kein wirkliches Vollprogramm. Freilich gibt es immer was zu hören. Es läuft also ein Musikprogramm, das dann von diversen Sendungen unterbrochen werden. Auch produzieren wir mittlerweile ein tägliches, live moderiertes Magazin von zwei Stunden. Aber wir sind noch lange nicht da, wo wir eigentlich hinwollen. Das hat ganz einfach mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen zu tun.

D.S.: Klar. Kurze Nachfrage: Du sagtest Ende des Jahres wurde Multikulti abgewickelt. Wie habe ich mir das vorzustellen? Wann habt ihr Kenntnis bekommen, dass eine nicht unbeträchtliche Gruppe von Journalisten ihren Arbeitsplatz verlieren?

W.K.: Wir haben es einen halben Tag vor den Medien erfahren. Das war so um den zwanzigsten Mai 2008 rum.

D.S.: Also nicht wie bei Vanity Fair, wo neunzig Mitarbeiter von heute auf morgen entlassen wurden? Denen wir, nebenbei bemerkt, unser Beileid aussprechen wollen…

W.K.: Nein. Das war bei uns nicht so. Ende Mai wurde uns mitgeteilt, das Radio Multikulti zum Jahresende eingestellt werden würde, was mit der angespannten finanziellen Situation des RBB zu tun hat, größtenteils nicht vom RBB verschuldet. Aber: Radio Multikulti hat weniger als ein Prozent des Jahresetats des RBB gekostet. Da hätte es natürlich ganz andere Einsparpotenziale gegeben. Und wenn ich jetzt sehe, dass der RBB sich eine nicht ganz billige neue eigene Talkshow leistet? Ich schätze mal, von dem Geld, was diese Talkshow kostet, hätte Radio Multikulti auch weitersenden können.

D.S.: Ja. Darüber könnten wir bestimmt länger reden. Vielleicht heben wir lieber nicht darauf ab, was wie ausgewählt wird, ob man auf die Quote schielt oder sich als öffentlicher Sender als Bildungsmedium versteht. Bleiben wir lieber bei radiomulticult: Ihr stellt Euch so dar, ihr versteht euch selber, alles was ich selbst im Radio an Sendungen mitverfolgt habe, zeugt von Programmprinzipien. Ich zähle sie einfach mal so auf, wie ihr sie zur Selbstdarstellung ins Netz gestellt habt. Ihr habt Euch zur Aufgabe gemacht mehrsprachig, multikulturell, integrativ, politisch, wirtschaftlich, interaktiv, aktivierend, vor Ort, international, vernetzt, individuell, innovativ und für alle zu arbeiten. Welche Firmenphilosophie steht dahinter?

W.K.: Grundsätzlich ist es ein Spagat, den wir versuchen hinzukriegen. Einerseits ein Programm zu machen für Berlin und Brandenburg. Auf der anderen Seite natürlich auch den Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen und sozusagen lokal mit global zu verbinden. Das ist nicht immer ganz einfach. Wir versuchen das von Radio Multikulti zu übernehmen, was wir nach wie vor für richtig halten. Es hat bei Radio Multikulti gerade in den letzten Jahren so Tendenzen gegeben, die wir nicht so toll fanden. Und das versuchen wir bei dem neuen Projekt zu vermeiden.

D.S.: Kannst Du konkreter werden, darüber sprechen?

W.K.: Es gab einen Trend, der leider fast überall im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu beobachten ist, hin zum Mainstream, zur inhaltlichen Verflachung. Das ist, was alle öffentlich-rechtlichen Anstalten auf der Jagd nach der Quote veranstalten. Was in meinen Augen völlig fehl am Platz ist. Insofern fanden wir diesen Trend sehr schade und versuchen ihn bei uns umzukehren. Wir haben auch fremdsprachige Sendungen. Wir versuchen das auch anders als bei Radio Multikulti zu machen. Da war es so, dass viele Leute den ganzen Tag Radio Multikulti hörten, dann fingen die fremdsprachigen Sendungen an und dann schalteten die ab. Wir versuchen auch die Fremdsprachensendungen mit kleinen deutschen Beiträgen zu durchmischen. Eine integrative Gestaltung also. Damit auch diejenigen, die die entsprechende Sprache nicht verstehen, mindest mitkriegen, worum es geht.

D.S.: Ich habe gehört, dass alle bei multicult 2.0. derzeit noch ehrenamtlich arbeiten. Wie wollt ihr es schaffen diese Struktur in eine zu überführen, von der ihr leben könnt?

W.K.: Das ist richtig. Es wird niemand bezahlt. Das Geld, das wir haben, was im Prinzip erstmal durch Spenden zusammengekommen ist, geht für Technik drauf. Das Problem ist momentan noch, dass wir eigentlich so ein informeller Haufen sind, der im Internet Radio macht. Wir sind gerade dabei uns eine juristische Struktur zu geben, eine gemeinnützige GmbH zu gründen. Des Weiteren gibt es eine Reihe von Finanzierungsquellen, die man nutzen kann.

D.S.: Das ist natürlich interessant. Wer sind Eure Unterstützer?

W.K.: An erster Stelle ist das der Freundeskreis Multikulti, der sich als Verein gegründet hat. Das ist die Truppe, die versucht hat, die Schließung von Radio Multikulti durch Unterschriftenaktionen, etc. zu verhindern. Die haben sich vom Protest gegen die Schließung umgepolt zur Unterstützertruppe.

D.S.. Das ist sicher neben all den genannten Schwierigkeiten ein wunderbares Gefühl, solch eine Hörerschaft zu besitzen?

W.K.: Ja. Sicher. Sie unterstützen uns nach Kräften. Zum Teil sogar redaktionell. Und sie geben uns Mut. Es gibt aber auch Unterstützer aus der Kreativindustrie, Stiftungen, die uns unterstützen wollen, Leute aus der Politik, aus den Medien. Auch vom Arbeitsamt kann man Fördermittel bekommen, aus Brüssel, usw.. Das funktioniert allerdings alles erst, wenn man eine juristische Struktur hat, wie wir sie gerade aufbauen. Insofern hoffen wir, dass demnächst auch für die Arbeit der Leute ein bisschen Geld reinkommt.

D.S.: Wenn Du an die RBB-Zeit zurückdenkst und sie mit der Arbeit in Eigenregie vergleichst. Wo stoßt ihr an Grenzen und wo sagt ihr Euch, dass es wunderbar ist, dass ihr das nun selbst bestimmen könnt?

W.K.: Wir stoßen da an Grenzen, wo wir nicht mehr auf die öffentlich-rechtliche Struktur zurückgreifen können. Also, einfaches Beispiel, ein Ü-Wagen zum Beispiel, um irgendwas draußen mitzuschneiden. Was man mittlerweile aber auch mit ganz geringem technischen Aufwand machen kann. Wir stoßen an Grenzen, wo es sich bemerkbar macht, dass wir einfach nicht mehr auf das Korrespondentennetz der ARD zurückgreifen können. Aber da sind wir auch dabei durch unsere gut gewachsenen Kontakte in alle Länder dieser Welt, Leute als Korrespondenten zu akquirieren, die sehr gut deutsch sprechen. Da gab es viele Zusagen. Da sind wir also mitten in der Problemüberwindung. Auf der anderen Seite ist es toll, nicht mehr in die Hierarchien eingebunden zu sein. Ich möchte auch betonen, dass das Medium Internetradio noch mal ganz andere Möglichkeiten birgt. Man hat einen viel direkteren Draht zu den Hörern. Es gibt einen Chatroom, wo sich die Hörer zu dem laufenden Programm äußern können. Und wir versuchen auch immer, das der Autor, während seine Sendung läuft, im Chat ist und für Fragen zur Verfügung steht. Man kann darüber hinaus die Playlist direkt ins Internet stellen. Dann müssen die Leute nicht mehr anrufen und fragen, was das eben war, sondern können direkt nachgucken.

D.S.: Klingt sehr spannend, gleichermaßen schwierig. Ihr sucht nach wie vor Mitarbeiter und weitere Unterstützer. Ich höre so ein bisschen raus, dass man als junger Radiojournalist vielleicht nicht unbedingt seine Zukunft auf das Ehrenamt bei multicult bauen sollte, man aber doch an einem Ort wäre, wo Pionierarbeit geleistet, man grundlegende Berufserfahrung sammeln könnte?

W.K.: Es ist nach wie vor schwer für uns, irgendwelche Zusagen in Richtung Existenz zu leisten. Zumal wenn man jetzt von außen reinkommt, weil da sind schon viele andere, die schon ein halbes Jahr an dem Projekt arbeiten. Aber ist ein spannendes Projekt und wer da Lust hat mitzumachen, ist herzlich eingeladen. Und man kann natürlich selbst bestimmen, wie viel Zeit man dafür hat und aufbringen will.

D.S.: Bleibt mir, mich auf das abendliche Konzert zu freuen, wünsche Euch gleichermaßen Durchhaltewillen und Unterstützer ohne Ende, um Euer überzeugendes Konzept in der Berliner Medienlandschaft auf festes Fundament zu bauen. Herzlichen Dank Wolfgang König.

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