Podiumsgespräch Wenzel & Billy Bragg 2009

Publikumsfragen: Ergänzung zum Podiumsgespräch mit Billy Bragg und Hans-Eckardt Wenzel

KLEFF: Wir haben noch gut zwanzig Minuten und damit eröffnen wir das Gespräch mit dem Publikum.

PUBLIKUM 1: Zwei kurze Fragen und eine Anmerkung. Die Anmerkung bezieht sich auf die Positionierung von Musikern bei Wahlen wie in den USA. Man darf nicht vergessen, dass es noch eine dritte Gruppe gab, meinetwegen um „Rage Against The Machine“ und Tom Morello, die eine ganz andere Position dazu hatten…

KLEFF: ….die aber auch Obama unterstützt haben…

Publikum 1: ….ja. – Die erste Frage zielt auf Bewegungen wie „Rock Against Racism“, da hab ich einfach eine Wissenslücke. Ist es so, wie ich meine gelesen zu haben, dass die Entstehung dieser Geschichte damals zum Teil aus der Musikszene selber gekommen ist, nämlich dadurch, dass es Musiker gab, die BNP-Leute hofiert haben, oder auch solche Äußerungen in Konzerten getätigt haben. Ich hab irgendwo, glaub ich, mal was über Clapton in diesem Zusammenhang gelesen. Und die andere Frage ist die, wie beide die  jüngeren Musiker und Stückeschreiber in den Ländern einschätzen, ob es da eine Entwicklung gibt, wie die sich auf die Wirtschaftskrise, oder auch auf zunehmenden Rassismus, oder auf Neonazitum in Deutschland beispielsweise bezieht, ob es wieder einen stärkeren Bezug dazu gibt, oder eine Gemeinschaft, eine Community,  ob solche Bewegungen überhaupt wieder entstehen könnten wie „Rock Against Racism“.

KLEFF: Also eine Frage an Billy was die englische Geschichte betrifft, und dann die zweite Frage an beide, was die Rolle von jungen Künstlern betrifft.

BRAGG: Ja, Eric Clapton hat da schon mitgemacht – aber auf negative Art. 1976 hat er eine Mugge gespielt in Birmingham, England, wo es sehr viele Immigranten gibt. Und er hat Äußerungen von der Bühne getan zugunsten der bekanntesten Anti-Immigrationspolitiker, wie Eannock Power, ein durch und durch konservativer Politiker. Er war in England der erste, der gesagt hat, die ganzen Immigranten sollten zurückgeschafft werden in ihre Heimatländer. Und Clapton hat gesagt: Eannock Power hat recht. Und das war so haarsträubend! Und Clapton hat „I shot the sheriff“ von Bob Marley gemacht, also Musik von außerhalb Englands, und stellt sich dann hin und sagt, die Immigranten sollten alle nach Hause geschafft werden…es war so lachhaft ! Daraufhin erschienen Briefe in allen englischen Musikzeitschriften, die Leute protestierten wie wild gegen diese Äußerung. Es haben sich überall Gruppen gebildet gegen dieses Widererstarken rassistischer Äußerungen. Es gab eine Neonazipartei, es wurde damals auch die BNP, die British National Party, gegründet, und die Musiker fingen an, durch „Rock Against Racism“ organisiert zu werden. Und haben da begonnen, Konzerte zu spielen. „Rock Against Racism“ selbst  wurde von der „Socialist Workers Party“, einer trotzkistischen Partei, organisiert, und war auch ein Instrument, ein Vehikel der SWP. Wurde aber auch später  organisiert von der Anti Nazi League, die war breiter gefasst, wo auch  Gewerkschaftsfunktionäre teilnahmen und selbst Parlamentsabgeordnete. Und „Rock Against Racism“, wo die SWP der treibende Kern war, wurde später umbenannt in „Love Music Hate Racism“, also „Liebe die Musik – hasse den Rassismus“, und steht der Labour-Partei nahe. Aber es waren natürlich immer Musiker beteiligt, die – wie andere – Trotzkisten sind. Mit denen kann man reden, die haben sogar  eine gewisse Art von Humor – was Trotzkisten normalerweise nicht haben. Also die SWP hat da einmal was gutes gemacht. Und in diesem Kontext, kann man sagen, die SWP war da mal konstruktiv. Und um den zweiten Teil der Frage gleich mit abzudecken: „Love Music Hate Racism“ ist jetzt wie eine Landmarke, wie ein Leuchtturm für junge Menschen, die politisch etwas zu sagen haben. Durch das erneute Anwachsen der British National Party sind jetzt neue Leute, neue Namen aufgetaucht,  „Heartfie“, auch bei den Rappern z.B., die sich äußern zu „Love Music Hate Racism“. Meine Rolle ist eher die, hinzugehen und  an die früheren Dinge zu erinnern. Ich will die Jungen darauf aufmerksam machen, dass mit dieser Kampagne „Liebe die Musik – hasse den Rassismus“ – dass da eine Tradition aufgegriffen wird, die bis auf den Spanischen Bürgerkrieg zurückgeht. Sie sind nicht die ersten, die den Faschisten entgegen treten. Wir hätten die Faschisten auch 1970 nicht ohne unsere Musik, ohne unsere Kultur geschlagen. Also – man kann das machen. Aber diese jungen Bands sind heute superwichtig; wenn hunderttausend Leute heute wieder in diesen Park kommen, wo ich 1976 war, dann ist das den jungen nachwachsenden Musikern geschuldet, die sich auch politisch äußern möchten – und es tun. Also – es ist da! Aber: das Problem, welches diese jungen Bands haben, wenn ich es richtig sehe: der Kontext für ihr Tun ist nicht so klar wie damals bei uns, in den ideologischen 70ern und  80ern. Die Jungs, die damals die Musikzeitschriften machten, zu der Zeit, wo wir den „Roten Keil“ hatten – die stammten noch aus den utopischen 60ern, da waren sie Teenager, und die meinten wie wir, dass Musik die Welt verändern sollte, die schafften uns diesem Raum. Jetzt ist das schwieriger für die jungen Bands. Aber es gibt eben diese Bands, die mit einer neuen Sprache ringen, ohne Ideologie, ohne Nostalgie, die ihren eigenen Weg suchen.

WENZEL.: Ich glaube, dass in Deutschland meistens so etwas stattfindet, wenn es sich an der amerikanischen Musikszene orientiert oder an der englischen. Der eigene Impuls ist gering in Deutschland. Muss man so feststellen. Ich glaube, dass es für jüngere Bands, von denen ich ‘ne ganze Menge kenne, unglaublich schwer geworden ist, in diesem völlig dichten Netz der Musikindustrie zu existieren und einen Platz zu finden. Es gibt kaum noch Klubs in Deutschland, wo sie spielen könne, es gibt keine Öffentlichkeit mehr für sie, es ist ganz schwierig, dass sie irgendwie an ihr Publikum herankommen; der Markt hat sie abgedrängt, und es ist alles auf Verwertbarkeit aus. Ich denke, dass sich unter diesem Druck – und das ist etwas Gutes für Musiker, finde ich – dass sich darunter etwas formuliert, auch ein Zorn. Und dass manche, die nicht genau wissen, warum sie eigentlich Musik machen – weil sie’s schön finden? Das ist jedenfalls ein guter Start, aber um berühmt  zu werden? – dass sie diesen Traum vielleicht fallen lassen und einen anderen Punkt in sich finden, mit ihrer Musik etwas zu bewegen! Diese Widersprüche sind immer etwas Gutes. Und wo ich das bei jungen Bands spüre, spüre ich auch, dass sich da etwas formuliert, und dass sich da etwas Neues zu entwickeln beginnt, worauf ich große Hoffnung setze. Ich glaube, dass sich darüber vielleicht für Deutschland eine etwas andere, europäische oder internationalere Form von Musik entwickelt, die sowohl die Tradition mit aufnimmt, die eigene, aber sich vielmehr an dem internationalen misst, indem man einfach mit anderen Kollegen zusammen spielt, mit andern Leuten in der Band zusammen arbeitet, mit andern Leuten zusammen lebt. Es sich nicht vornimmt, wie ein Ami zu sein oder ein Engländer, sondern es selber aus sich herausholt. Das spür’ ich in dieser jüngeren Generation, und es macht mir große Hoffnung, dass da wirklich vielleicht ein anderer Ton entsteht in der Musik. Ich glaube, das ist vielleicht das Wichtigste.

BRAGG: Lasst mich mal kurz was einwerfen. Diese ganzen 90er-Jahre-Bands, die sich dem Markt unterworfen haben, worüber Wenzel auch gesprochen hat, die mehr auf ihre Frisur wert gelegt haben als auf die Substanz ihrer Songs, die gibt es heut nicht mehr – aber mich gibt es noch!  Also –  wenn man sich selbst treu bleibt, und einen langen Atem hat, kann es passieren, wie man sieht, dass man Erfolg hat, auf lange Sicht.

PUBLIKUM 2: Ich als Teilnehmer beim Europäischen Sozialforum bekomme die Thematik der heutigen Diskussion nicht nur als Konsumierender, in Anführungszeichen, oder Teilnehmer bei Konzert- und Kulturereignissen, sondern eben auch von den Entwicklungen auf der Straße her mit. Also mein Eindruck ist tatsächlich eher wie der von Hans Eckart  Wenzel, dass jetzt nicht nur – „huuuh, DDR gescheitert, Mauer war ganz schlecht…“ – dass also Sozialismus eben nicht nur ‘ne Sache ist, die nach hinten blickt, sondern das Leute jetzt  fragen: was wollt ihr denn eigentlich anders machen? Das heißt, dass der Kapitalismus sozusagen wieder kenntlich geworden ist. Dass eben diese Integration, diese Bequemlichkeit, dieses „Uns kann ja nix passieren, wir sind Mittelschicht“ so nicht mehr gilt, funktioniert. Und ich  finde, dass es demzufolge auch richtig ist, sich wieder auf den Inhalt, die Analysen von Marx zu beziehen. Man wird auch danach gefragt:  „Sag mal, du bist linksorientiert, was is’n da?“ Und manchmal muss ich da auch erst überlegen, wie das wo geschrieben steht. Das spielt jetzt erst wieder eine Rolle. Wir brauchen eine andere Verständigung, eine Werteorientierung, Solidarität, Fairness, Respekt. Ziele, die erst später umgesetzt werden können, die es aber wichtig machen, eben grade auch, wenn man sich mit Leuten verständigt, die andere politische Hintergründe haben oder eben wie ihr auf der Bühne steht und versucht die Zusammengehörigkeit der Menschen, die dort durch Zufall sind, zu erkunden und über Musik etwas zu transportieren.

PUBLIKUM 3: Hallo, meine Frage ist eher simpler Natur. Ich möchte kurz noch mal auf die  Finanzkrise zurückkommen. Die hat ja nicht nur ökonomische Gründe, sondern auch solche in den sozialen Werten. Und jeder sucht nun nach Wegen, die uns davon befreien könnten. Aber etwas, was ich noch nicht gehört habe – ich hab es vielleicht verpasst – von den Künstlern nämlich: wie nehmt ihr euch dieses Themas an,  ihr redet  über Politik, über soziale Organisationen usw. – alles wichtige Sachen. Aber es gibt noch etwas, was man spezieller betrachten sollte. Nämlich die Idee, dass das Leben nicht nur um Politik, Ökonomie geht, sondern auch um die Schönheit, um die Freude am Leben an sich. Das ist an den Rand geraten, das ist nicht Teil des politischen Diskurs. Und ich frage mich, warum. Das ist doch das Spezielle an der Kunst, das Tolle an der Kunst, darum müsste es eigentlich den Künstlern gehen: über die Schönheit des Lebens reden, über Freude an der Welt. Dass sie eine andere Sicht auf die Welt haben. Ich glaube, dass hier ein großes Vakuum besteht. Gleichermaßen eine große Möglichkeit für Künstler. Ich möchte mit einem kleinen Beispiel abschließen, das ganz gut darstellt, worüber ich rede. Nämlich über mein Lieblingsmagazin,  „The New Yorker“. Eine tolle Sache daran ist z.B. das Layout. Es gibt einen Artikel, zum Beispiel, über acht Arbeiter in Afrika – und  in der Mitte der Seite ist ein Cartoon zu sehen. Man betrachtet ihn beim Lesen. Und auf der nächsten Seite – ein Gedicht. Es gibt keine extra Rubrik für Gedichte, oder für Cartoons, wie in andern Magazinen. Es geht alles durcheinander. Und das ist so ein toller, neuer Zugang, denn so ist das Leben! Das spiegelt das ganze Leben, in allen Aspekten: da ist Politik, da ist Schönheit, Gedicht, Humor. Ich frage also heute, wo alles im freien Fall ist, nach dem Begriff von Schönheit, ja Hedonismus. Sind sie nicht würdig wieder in den Diskurs aufgenommen zu werden? Ich denke, ja. Danke.

BRAGG: Ja klar. Völlig richtig. Es ist sogar notwendig, wenn man politische Kunst macht, dass man zunächst mal damit unterhält. Du musst den Hintern der Leute von den Sitzen kriegen. Auch versuche ich, sie zum Lachen zu bringen. Und wenn ihr euch die Sachen von Woody Guthrie z.B. anhört, dann erzählt er lustige Dinge zwischen seinen Songs. So entspannen die Leute sich und werden auch geöffnet für die ernsthafteren Botschaften, die danach kommen. Also, diese Mixtur. Wisst ihr, wenn es dauernd ausschließlich um Politik geht? – Beim  „Socialist Worker“ beispielsweise, das ist diese trotzkistische Tageszeitung, bringen sie nicht mal Fußballergebnisse. Ich meine: Warum kauft die Arbeiterklasse eine Zeitung? Immer wieder wegen der russischen Revolution? Und kein Fußball? Finde ich doch ziemlich lächerlich. – Es gibt ein bekanntes Zitat von Antonio Gramsci, dem Gründer der Italienischen KP. Er sitzt im Knast, und er sagt: die Unfähigkeit zum Lachen hat negative Auswirkungen auf die Fähigkeiten als Sozialist. Wenn man die Menschheit lieben will, muss man zunächst mal die Leute um sich herum mögen. Zumindest Verständnis für sie haben. Da fehlt dem Marxismus etwas, aus meiner Sicht.

Und zu dem, was du vorhin gesagt hast: mir scheint, die ganze politische Debatte – also  in den USA seit sechzig Jahren und in England seit dreißig Jahren, ist auch eine Art Wettbewerb zwischen Individualismus und Kollektivismus. Und indem man das Individuum immer wieder als Konsument abtut und diskriminiert, wirft man es auf sich selbst zurück, zwingt man es zu Egoismus und Selbstsucht. Als Sozialist denke ich, dass das Individuum das wichtigste Element der Gesellschaft ist. Aber ich erkenne auch, dass das Individuum, wenn nicht kollektiv Gesundheitsfürsorge, freie Bildung, sozialen Wohnungsbau, gute Pensionen,  Altersvorsorge usw. bereitgestellt wird, es sich auch nicht verwirklichen kann. Wenn nur die Reichen und Mächtigen die Mittel haben, ihre Individualität zu entfalten, und der Rest von uns von ihnen ausgebeutet wird? – Sozialismus kann für mich nur das kollektive Starkmachen von Individuen bedeuten. Darin liegt sein Sinn.

WENZEL: Um auf Deine Frage zu kommen: das eigentliche Thema von Kunst, ob es Literatur ist oder Musik, sind die Unbegreiflichkeiten der Welt. Liebe und Tod. Das, was wir nicht klären können. Das, wofür entweder die Religion oder die Kunst einsteht, uns das ein klein wenig begreiflich zu machen. Und wenn die Verhältnisse, die politischen Verhältnisse so sind, dass das Glück unmöglich ist zwischen Zweien wie Romeo und Julia, dann muss ich die politischen Verhältnisse beschreiben, dann muss ich ein politischer Künstler werden. Aber der Ursprung der Kunst muss das sein, dass ich diese Ur-Phänomene beschreiben will. Das Glück der Leute ist verhindert – also schreib ich über das Unglück. Das ist das, was du meinst. Und das ist vielleicht gelegentlich in der Definition von politischer Kunst verloren gegangen. Eisler prägte den schönen Spruch: Überpolitisierung in der Kunst führt zur Barbarei in der Ästhetik. Also alle, die sich als unglaubliche politische Künstler definiert haben und ihren Ursprung vergessen, der nämlich Liebe zu den Menschen oder zur Musik ist, die verlieren diese Ganzheit. Und die werden diese ausgelutschten intellektuellen Wichtigtuer. Die keine Eier haben, wie man unter Musikern sagt. (Lachen im Saal). Aber das ist genau das Problem: wir müssen diese Ganzheit behalten. Wir werden groß mit Surrogaten! Die Werbung gaukelt uns vor, was schön ist, wie eine Frau schön aussehen muss. Wir hören es in den weichgespülten Radios, was schön sein soll. Wir werden unserer Urteilskraft Stück für Stück beraubt. Wir glauben ihr gar nicht mehr, was  wir schön finden – weil wir glauben, wir müssten der Konvention gehorchen. Dass ich meine Frau gar nicht mehr schön finde, sondern dass ich die schön finde, die da für die Faltencreme ihre Fresse hinhält. In diesen Widersprüchen stehen wir. Und dafür ist die Kunst da! Das ist auch ein politisches Programm, diese Individualität aufrechtzuerhalten, und die Ganzheit des Lebens. Das ist etwas sehr Wichtiges. Und es ist gut, dass Du das gesagt hast.

PUBLIKUM 4: Es wurde hier über Musik und Politik gesprochen, über junge Künstler, und mich würde interessieren, ob sich jemand, außer mir, für die jungen Zuhörer interessiert. Das hängt vielleicht auch mit der vorherigen Frage zusammen, mit der Erziehung der Medien. Das ist ja ein Markt, wo der Mainstream spielt. ich habe in den letzten Jahren viele Kinderlieder gehört, aber wenige, wo das nicht um Kinderthemen geht, also nicht nur jemand spielt oder turnt oder zur Oma geht. Meiner Wahrnehmung nach ist das alles jetzt so irgendwie getrennt: Schriftsteller  für Erwachsene und Liedermacher für Erwachsene und Liedermacher für Kinder. Oder gibt es nach wie vor welche, die das beides verbinden? Das würde mich interessieren. Danke.

PUBLIKUM 5: Wenzel war ja sehr klar in seiner Stellungnahme, was die Frage betrifft, inwieweit er sich vor einen politischen Karren, also für Herrn Steinbrück u.A., spannen ließe: es interessiert ihn einfach nicht. Während die Antwort von Billy eher nostalgisch glorifizierend auf die Zeit von „Red redge“ war. Ich hatte aber gleichzeitig den Eindruck, dass er der Antwort etwas ausgewichen ist, was die Gegenwart betrifft. Die Frage, ob man sich als politischer Künstler vielleicht auch missbrauchen lässt, wie das vielleicht auch unter Neill Kinnock passiert ist, und ob er das heute noch irgend wie für sinnvoll halten würde. Oder ob auch diese Funktion, dass sich der Künstler vor den Karren eines Politikers spannen lässt, eigentlich ein Modell von gestern ist, was gar nicht mehr funktioniert?

BRAGG: Na ja, ich war schon irgendwie mittendrin. Als Labour zuerst gewählt wurde, da hatten wir riesengroße Hoffnung. Ich hab an einer TV-Debatte nach einem Jahr Labour-Regierung teilgenommen. Mit dabei war ein Labour-Mann, Parlamentarier, der mir sagte: es gibt keine Schulklasse in England, wo mehr als dreißig Kinder in der Klasse sind. Nun, mein Sohn ging nun aber in eine Klasse mit zweiunddreißig. Da ist bei mir was umgekippt. Und ich hab den dann echt angemacht und erst später beim Ansehen der Sendung gemerkt, was ich tat. Um diese Zeit begannen die Leute zu sagen, dass die Labour-Party genauso laviert wie die Konservativen. Das hat mich wirklich abgestoßen. Und ich dachte: okay, entweder man teilt diese zynische Haltung, alle seien gleich oder ich finde eine Art und Weise, wie ich mich mit denen auseinandersetze. Ich habe achtzehn Jahre mitgekämpft, die Labour-Party wieder ans Ruder zu bringen. Und als die Tories noch dran waren, habe ich mich sehr schlecht gefühlt. Also habe ich mich hingesetzt, hab mir die Politiker auf’m Zettel notiert, mit denen ich arbeiten kann, die ehrlich sind, bin in ihre Wahlbezirke gegangen, hab für sie auch Konzerte gespielt. Und ich habe Zeugnis abgelegt für den Reformausschuss im Oberhaus, für die Leute, für ihren Leumund, und bin irgendwie immer höher gerutscht in der politischen Hierarchie, betreffs meiner Gesprächspartner, Tony Blair eingeschlossen. Und irgendwann, es war allerdings nach der Irak-Invasion, sprach ich mit meiner Frau und fragte mich, wie sehr ich eigentlich an das, was ich tue, wirklich glaube? Okay! Ich bin jetzt so weit gekommen, ich hab da tatsächlich die Möglichkeit, mich richtig zu äußern. Die haben natürlich nicht das gemacht, was ich erhofft hatte, in diesen Ausschüssen. Eigentlich sind es die die Politiker, die bis Oberkante Unterlippe in der Scheiße stehen. Aber wenn man nichts tut, dann schwappt die Scheiße auch irgendwann auf uns über –

egal ob Künstler oder Publikum. Und ich bin zutiefst davon überzeugt bin, dass man nicht den Ansatz eines politischen Engagement vom Publikum erwarten kann, wenn man nicht selber dazu bereit ist. Das kommt am Ende des Tages dann nämlich dabei raus. Du musst etwas vorleben, du musst zeigen, worum es dir geht. Und, ganz kurz noch mal zum Anfang der Diskussion zurück, zu den Leuten, die da draußen im dunklen Zuschauerraum sitzen: Du kriegst sie nur, wenn Du sie mit Deinen Gedanken vertraut machst, und sie daran zu erinnern weißt, dass es nur sie sind, welche die Welt verändern können. In genau dieser Beziehung. Ich glaube also an meine Ausdrucksfähigkeit, das Publikum oder Teile von ihnen bestärkt zu entlassen. Und seht ihr, genau das werde ich heut abend machen im Babylon. Mit euch sprechen, zuhören, lernen – so wie ich in Berlin seit den 80ern gelernt habe. Dieser Prozess geht also weiter. Es geht nur über diesen Gedankenaustausch, etwas zu tun zum Besseren der Welt, im weitesten Sinne des Wortes. Ihr könnt euch engagieren. Und ich kann das Publikum daran erinnern, was alles schon gelaufen ist. Ich kann auch als Sprachrohr für das Publikum gegenüber den Politikern dienen, weil ich einfach ‘ne größere Stimme habe oder andere Zugänge. Das ist vielleicht der Part, den ich zu spielen habe, so wie wir alle unseren Part haben. Was ich bei der nächsten Wahl, die nächstes Jahr kommt, machen werde, weiß ich noch nicht; ich werd sehn, wie sich der Kontext gestaltet.

KLEFF: Kurzer Kommentar noch zu der Frage nach dem jungen Publikum?

BRAGG:  Oh ja, okay, junge Zuschauer, junges Publikum. Na ja, für mich ist junges Publikum das unter vierzig (Lachen im Saal) – das ist junges Publikum in meinem Falle. Aber das war ja nicht ganz der Sinn deiner Frage.

Die Möglichkeiten, die das Internet heute bietet, auch für die Kleinen, ist riesig. Als ich zum ersten Mal gehört habe, 1970, dass Bob Dylan, mein Held, von Woody Guthrie inspiriert worden war,

konnte ich nicht losgehen und mir eine Woody-Guthrie-Scheibe holen. Hatte keine Ahnung – wo findet man was von dem? Als ich eine Kassette gefunden habe von Woody Guthrie war die aus Frankreich, hatte kein Booklet und der Name war falsch geschrieben. Wenn man heute von einem Freund was über dessen Lieblingsband hört, oder irgend jemand spricht über diesen Kerl Billy Bragg, setzt man sich hin – klick klick klick -und du hast die Musik, du hast seine Biografie. Also das Potential, die nächste Generation zu erreichen, zu inspirieren, in ganz jungem Alter… Woody Guthrie, „Mermaid Avenue“ z.B., da ist ein Kinderlied drauf. Das ist ein Potential, was das Internet geschaffen hat, über die „originale“ Generation hinaus zu gehen. Und ich sehe genug Bands oder Singer/Songwriter, deren Publikum mit ihnen mit älter wird. Und ich sehe junge Bands bei „Rock Against Racism“, und ich bin immer noch dabei, also ich strahle auf mehr potentielles Publikum ab, und mein Publikum ist 19 Jahre, 20 Jahre, 15 Jahre alt, und das ermutig mich sehr.

KLEFF: Wenzel, Billy Bragg hatte das erste Wort dieser Debatte, Dir gehört der Schlusspart…

WENZEL: Gut. Also für mich ist da kein Unterschied. Ich schreibe keine Lieder extra für Kinder. Ich schreibe Lieder, die Kinder dann auch mögen, letzten Endes. Für mich gibt es diese Altersbegrenzung nicht, die Kindheit ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Vorher ist die Kinderliteratur auch für Erwachsene geschrieben. Die Frage ist, welches Maß an Naivität man sich in der Welt noch zutraut, wie naiv man noch sein kann. Und das meine ich nicht als etwas Dummes, sondern als etwas Clowneskes oder Offensives. Die Frage ist also: Wie alt fühlt sich die Gesellschaft? – Es ist seit längerer Zeit so, also die letzten 20 Jahre vielleicht, dass es so schien, als würden Liedermacher, Singer/Songwriter, ein altes Publikum bedienen, ein Publikum was mit Hannes Wader gealtert ist, und alle sind graubärtig und siebzig. Das hat sich aber geändert. Es gibt jetzt  junge Leute, die als Band angefangen haben, die jetzt das songwriting entdecken und sich mit einer Gitarre hinsetzen, die diese Form wieder entdecken. Und das was Billy sagt, dass es diese Möglichkeit gibt, das zu finden – das ist eine große Chance. Und das ist etwas, was die Sache hoffentlich vereinfacht. Weil: woran das, was in der neueren Generation in Deutschland existiert, krankt: dass sie sich zu keiner Tradition bekennen. Dass sie alle das Gefühl haben, sie erfinden das Rad neu. Wenn man irgendwo ein Interview von einer jungen Band hört, sagen sie immer: Ja, wir wollen andere Lieder schreiben, die nicht so traurig sind und so anstrengend. Sie kennen aber nix! Das ist das Problem. Man kann aber nur etwas lernen, wenn man sich auf seine Lehrer bezieht. Man muss nicht sein wie sie, man muss sich von ihnen abgrenzen. Aber man muss, so wie man als Zeichner wenigstens mal Rembrandt kopiert hat,

muss man auch andere Sachen covern, man muss erstmal hineinschnüffeln in andere Texte, in  andere Musiken, damit man lernt, wie die Leute das gemacht haben. Das Handwerkliche hat im Moment einen ganz niedrigen Stand in Deutschland. Die Tradition überhaupt. Alter gilt als Schwäche. Früher war Alter Weisheit. Man hat den Erfahrungsschatz der Alten befragt. Auf den war man aus. Jetzt leben wir in einer Zeit, da ist das junge, dynamische – das ist das scheinbar positive Zeichen der Zeit. Aber wenn wir verlieren, uns zu den Alten und zu den eigenen Traditionen zu verhalten, dann verlieren wir das, was uns ausmacht. Ob wir das als Nation definieren, als soziales Gewissen, als Gerechtigkeit – das ist alles da verankert. Es ist nicht in der Gegenwart verankert, und nicht in der Zukunft. Es ist nur in unserer eigenen Geschichte. Da ist es aufgehoben, als große Utopie. Und das, glaube ich, ist das Entscheidende.

KLEFF: Punktlandung. Fast 16 Uhr. Wir haben’s also sehr schön geschafft, diese Diskussion im Rahmen der Zeit durchzuführen. Vielen Dank Hans-Eckhart Wenzel, vielen Dank Billy Bragg. Und natürlich vielen Dank an George Wolter, der hier zwei Stunden simultan übersetzt hat. Das Festival geht natürlich weiter…

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