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CD-Vorstellung „Hootenanny in Ostberlin“

Anlässlich des „Festivals Musik und Politik“ 2016 freuen wir uns, exklusiv vorab die neue CD „Hootenanny in Ostberlin“ vorstellen zu dürfen. Begleitend zum Festival gibt es eine Ausstellung, Podiumsgespräch, Konzerte und Filmvorführungen zum Liedermacher- und Folkszene in der DDR.

Bear Family Records (BCD 17425), 34 Titel, 79:38 min, Digipack mit 40seitigem Booklet

„Hootenanny“ haben die Almanac Singers (Pete Seeger, Woody Guthrie u.a.) ab 1941 ihre ungezwungenen Konzerte genannt. Die erste deutsche Hootenanny fand am 28. Januar 1960 im Zentralen Klub der Jugend und Sportler in der Ostberliner Stalinallee statt. Der seit 1959 in der DDR lebende kanadische Folksänger Perry Friedman, dessen Vorbild Pete Seeger war, hatte die Hootenanny in die DDR gebracht.

Hootenanny in Ostberlin1963 sorgte das „Jugendkommuniqué“ des Politbüros des ZK der SED für frischen Wind in der Jugend- und Kulturpolitik. Es gab mehr Offenheit für Jazz, Beat und kritische Lyrik. Ab 1964 tourte die Veranstaltungsreihe ‚Jazz und Lyrik‘ mit Manfred Krug und den Jazz-Optimisten Berlin durch die DDR. 1965 erschienen Beatles-Schallplatten und die ersten Sampler mit DDR-Beatgruppen.
Im April 1965 begann Jugendstudio DT 64 des Berliner Rundfunks mit Sendungen zum Thema „Sind Volkslieder noch modern?“ und machte daraus bald eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Treff mit Perry“.

Im Herbst 1965 setzten sich in der SED-Führung Hardliner durch, die den liberalen Kurs des Jugendkommuniqué korrigierten (11. Plenum des ZK der SED). Kritische Filme, der Liedermacher Wolf Biermann und viele Beatgruppen wurden verboten. Folksong, Chanson und Hootenanny wurden nun verstärkt gefördert, sah man doch nach dem kulturpolitischen Desaster des 11. Plenums
hier auf musikalischem Gebiet eine Art Rettungsanker. Kurz hintereinander wurden die LPs „Hootenanny mit Perry Friedman“, „Hootenanny mit Perry Friedman 2“ und „Songs, Chansons und neue Lieder“ produziert. Von diesen drei LPs stammt der größte Teil der Aufnahmen auf dieser CD.

Die DT-64-Veranstaltungsreihe „Treff mit Perry“ hatte das Bedürfnis nach einem festen Veranstaltungsort geweckt. So wurde am 15. Februar 1966 im Klub International (im Gebäude des gleichnamigen Kinos in der Karl-Marx-Allee) von der FDJ-Bezirksleitung, Jugendstudio DT 64, Perry Friedman und einer Handvoll junger Leute der Hootenanny-Klub Berlin gegründet, zunächst lediglich als Veranstaltungsreihe, als Offene Bühne. Jeder konnte kommen und mitmachen. DT 64 sendete Mitschnitte der Veranstaltungen und rief zur Teilnahme auf. Bettina Wegner und Hartmut König waren die ersten LiedermacherInnen des Klubs, Ende 1966 stieß der aus Leipzig kommende Kurt Demmler hinzu.

Anfang 1967 kam Pete Seeger, die Ikone des amerikanischen Folksongs, nach Ost- und Westberlin. Er sang in der Schaubühne (West) und in der Volksbühne (Ost). Das DDR-Fernsehen zeichnete im Klub der Jugend und Sportler in der Karl-Marx-Allee ein Konzert mit ihm auf, bei dem auch der Hootenanny-Klub Berlin auftrat.

Am 8. Februar 1967 faßte das Sekretariat des ZK der SED einen Beschluß zur „Bekämpfung des Westdralls in einigen Kulturinstitutionen“ und zum Kampf gegen „Tendenzen der Amerikanisierung auf dem Gebiet der Kultur“. Das war das Aus für die Bezeichnung Hootenanny. Einige geplante Schallplattenveröffentlichungen wurden gestrichen (u.a. Bob Dylan). Beatgruppen und Schlagersänger mußten englische Namen ablegen (aus Team 4 wurde Thomas Natschinski und seine Gruppe). Der Hootenanny-Klub benannte sich um in Oktoberklub und wurde zum Flaggschiff der von der FDJ geförderten und reglementierten Singebewegung, aus der später eine differenzierte Liedermacherkultur hervorging.

Titelliste

Perry Friedman: Tumbalalaika • Careless Love • Zwischen Berg und tiefem Tal • Lin Jaldati: As der Rebbe weijnt • Wenn die Lichter wieder brennen • Gerry Wolff: Kling-klang • Treue • Manfred Krug: Es geht eine dunkle Wolk herein • Ballade vom Briefträger William L. Moore • Fred Frohberg: Joshua Fit The Battle Of Jericho • Das Lied von der Kirschblüte • Christel Schulze & Klaus Schneider: Zogen einst fünf wilde Schwäne • Liebeslied • Horst Schulze: Ballade vom Weib und dem Soldaten • Wolfgang Dehler: Brasilianisches Volkslied • Bettina Wegner: Jan • Bernd Walther: Und der Wind streicht mir sanft durch die Haare • Hootenanny-Klub Berlin / Oktober-Klub: Knüpflied auf eine Unruhestifterin • Es saß ein schneeweiß Vögelein • Ech jablotschko • Venezolanisches Marktlied • Schau her (Lied von der friedlichen Welt) • Sag mir, wo du stehst • Dorit Gäbler: Der Herbst steht auf der Leiter • Das Ende des Osterhasen • Kurt Demmler: Davon, was diesem und jenem Mädchen beim Wäscheaufhängen passieren kann • Pas de deux im Zwiebelmond • Zart soll es bleiben • Team 4 / Thomas Natschinski & seine Gruppe: Die Straße • Denn sie lehren die Kinder • Reiner Schöne: Liebste, Liebste, schläfst Du noch? • Ledernacken-Blues • Pete Seeger: Turn! Turn!
Tu r n ! • If I Had A Hammer

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