Hootenanny ’66 – Podiumsgespräch

Festival Musik und Politik, Samstag, den 27.2.2016, 15:00 Uhr, Berlin, Jugendtheatertage

Gespräch mit Jörn Fechner, Lutz Kirchenwitz, Bettina Wegner, Siegfried Wein

Moderation: Regina Scheer

Thema: Hootenanny ’66

Podiumsdiskussion "Hootenanny '66"

Regina Scheer

Scheer: Wir wollen in den nächsten anderthalb Stunden etwas machen, was vielleicht nur schwer gelingen wird, aber wir versuchen es trotzdem. Wir wollen über die Geschichte der Hootenanny sprechen, über das Jahr ’66, ein wichtiges Jahr, und wir wollen, dass die hier Versammelten ihre eigenen persönlichen Erinnerungen an diese Zeit mit uns teilen. Die Gäste, die sich heute erinnern werden, sind Bettina Wegner, die brauch ich nicht vorzustellen (Applaus aus dem Publikum), Jörn Fechner (Applaus), der ist heute Werbefachmann, damals war er, wie wir alle, Schüler, Student, Sänger, Gestalter und so weiter. Das ist Sigi Wein, der war in der für uns wichtigen Zeit Kultursekretär bei der FDJ-Bezirksleitung und ist heute Rentner, und Lutz Kirchenwitz, viele Jahre Klubratsvorsitzender vom Oktober-Klub, Kulturwissenschaftler von Beruf, der seitdem eigentlich sein Arbeitsleben dieser Geschichte gewidmet hat. Und mein Name ist Regina Scheer, ich war als junges Mädchen auch dabei. Also, ich frag mal Bettina: Wie war deine Berührung mit Hootenanny, wie bist du dazu gekommen?

Wegner: Na, Perry Friedman hat’s erfunden! Es gab in der DDR Talentewettbewerbe, zu denen man im Stadtbezirk ging, und dann bezirksmäßig, und sich dann irgendwo in der DDR zu einer großen Gewinner-Talenteshow traf, und dann kamen wir irgendwie zusammen, bis auf Sigi waren wir alle bei diesen Talentewettbewerben. Einmal trafen wir uns in Berlin, da kam ein kanadischer Mann, ein toller Mann und sagte: Na ihr seid vielleicht blöde, einmal im Jahr trefft ihr euch irgendwo, wenn ihr einen Wettbewerb gewonnen habt, anstatt das so zu machen wie wir in Kanada, das heißt bei uns Hootenanny, macht doch das auch! Und die Idee fanden wir toll, dann bekamen wir – wer es erlaubt hat, weiß ich nicht – wir bekamen Räume gestellt, ratzbatz, und dann haben wir Hootenanny gemacht. Da konnte jeder hinkommen, der Lieder vorstellen wollte, der Lieder selber schrieb und sie vorsingen wollte oder Lieder von anderen vortragen wollte. Das war so eine wahnsinnig spannende Geschichte, weil jeder wirklich das singen konnte, was er wollte. Und diese Idee vom Hootenanny habe ich später auch in zwei Veranstaltungsreihen aufgegriffen, die nannten sich »Eintopp« und »Kramladen«, da habe ich das Gleiche versucht, jeder konnte kommen und seine Sachen vorstellen, und dann wurde drüber gequatscht. Nur dass es beim »Eintopp« und »Kramladen« nicht musikalisch begrenzt war, sondern ich habe auch Leute eingeladen, die Gedichte schrieben oder Geschichten und Erzählungen. Ja, das war ganz spannend und toll.

Scheer: Auf die spätere Zeit kommen wir vielleicht nachher noch. Aber das hatte ja viele Wurzeln. Ich kann mich erinnern, dass ich dich kennengelernt habe im Lyrik-Klub von Nils Werner. In diesem Keller in Pankow. (Wegner: Ja.) Das ist für mich auch eine der Keimzellen dieser …

Podiumsdiskussion "Hootenanny '66", Bettina Wegner

Bettina Wegner

Wegner: Ja, aber das hatte nichts unmittelbar mit dem Hootenanny zu tun. Doch es war auch der Weg dahin, man hat ja Gleichgesinnte gesucht. Wer schreibt, der möchte sich schreibend äußern, und da war ich eben auch im Lyrik-Klub Pankow bei Nils Werner.

Scheer: Und Jörn, wie war das bei dir? Wie waren deine Anfänge, deine Berührung mit Hootenanny?

Fechner: Lutz kam irgendwann an, wir kannten uns schon länger, und sagte: Der Perry hat da so eine Idee, der will vielleicht mal mit uns was machen. Da begannen wir erst einmal Räumlichkeiten zu suchen.

Scheer: Ihr kanntet euch von der Schule?

Fechner: Ja. Wir waren in zwei benachbarten, heute würde man sagen, Gymnasien.

Scheer, Wegner: Erweiterte Oberschule hieß das.

Fechner: Ich war an der KKS, Käthe-Kollwitz-Schule in Prenzlauer Berg, und Lutz war an der Schliemann-Schule, die Gebäude waren drei Querstraßen voneinander entfernt. Und wenn wir eine Veranstaltung mit Jazz oder mit Lyrik machen wollten, taten wir uns zusammen, weil dann einfach genügend Publikum erreicht wurde. Nicht jeder interessiert sich ja dafür. Aber zweimal fünfhundert Schüler waren schon tausend, mit denen es losging, sozusagen, und da konnten wir schon echt was machen, da reichte oft unsere Aula nicht. Und zwar nicht nur für die Jazz-Veranstaltungen, sondern auch für die Lyrik. Das muss man sich mal vorstellen, was da los war. Also in den vier Oberschuljahren von ’60 bis ’64 hing bei uns in der Schule eine riesige Tafel, vorher standen immer nur Mitteilungen der Direktion daran, nun fingen die Schüler an, ihre Ergüsse, ihre pubertären Gedichte, da ranzuhängen mit einer Reißzwecke. Diese Tafel war binnen Kurzem voll und blieb immer voll. Also man musste auch ein bisschen aufpassen, dass sein Gedicht hängen blieb. Ist ja auch eine Form von Demokratie, so eine Zettelwirtschaft. Zu der Zeit gab es eine richtige Lyrik-Welle, das ging ja bis zu den Profis, Schauspieler interpretierten Gedichte und so weiter. Und für mich ist das wirklich so eine Art Quelle, ein Grund warum die Hootenanny in der DDR Fuß gefasst hat. Victor Grossman erwähnte ja gestern, dass das ungewöhnlich war, in Polen, in Tschechien und so weiter ist es ja nicht so gewesen.

Das war bei uns, in unserem Lande, anders. (Wegner: Ja, weil wir Perry hatten.) Natürlich lag’s an Perry, das ist richtig, aber er alleine war es nicht. Ich weiß, dass es auch in den anderen Ländern so eine Art – ich nenne es jetzt mal Singebewegung, obwohl mir der Begriff von Anfang an nicht gefallen hat – also eine Jugendbewegung des Singens gegeben hat, die hieß in der Sowjetunion Das selbstgemachte Lied. Es klang so ähnlich wie der samogon, der selbst gebrannte Schnaps, wie hieß das auf Russisch? Ich bring’s nicht zusammen, mit samo fing es an. Und in Polen gab es Dinge, die wir gut verwenden konnten, zum Beispiel gab es viele polnische gute Beiträge beim Festival des politischen Liedes, was dann später … Das führt jetzt zu weit, aber ich will nochmal Tschechien erwähnen, da hätte ich gedacht, dass das sich kulturell ähnlich entwickelt wie bei uns, doch die Selbst-Singe-Bewegung lag dort mehr so auf der Country-Strecke. Das Schärfste war, dass mir einmal ein amerikanischer Militärjeep in Tschechien begegnet ist  – ich denk, was will der hier, bis ich feststelle, die Tschechen sitzen da mit Klampfen drauf und fahren in den Wald. (lacht) Das war dort ganz anders, ein bisschen schlager- und countrymäßig.

Scheer: Nach meiner Erinnerung hast du zu den Leuten gehört, die damals die Räume gefunden haben überm Kino International?

Podiumsdiskussion "Hootenanny '66"

Jörn Fechner

Fechner: Ja. Ganz konkret waren das Lutz und Perry und ich. Perry hat ja was mit einem Ausschank gesucht, er hat auch immer gleich an die Versorgung gedacht, berühmt ist ja auch sein schönes Lied »Der Sänger muss nach Hause, er muss endlich mal was trinken«. Ich will jetzt nicht das Gerücht in die Welt setzen, dass Perry zu viel getrunken hätte, aber er hat eben gern getrunken. Da fällt mir grade ein, dass seine Frau hier sitzt, mal sehen, was mir passiert. (lacht, Lachen aus dem Publikum) Jedenfalls haben wir gemeinsam so manches Glas Rotwein geleert, ist schon klar, aber ich wollte sagen, er war eben ganz praktisch und hat wirklich an alles gedacht. Da gibt es auch ein Buch über die ersten Hootenannys, in dem gesagt wird, der Fechner, der hat durchgehalten, der hat mit den Leuten immer noch den Text gelernt bis zum Schluss, die waren schon sauer, aber mit seinem Charme hat er das dann hingekriegt. Und als wir dann die erste gemeinsame Veranstaltung im Zentralen Klub der Jugend und Sportler hatten, waren wir schon befreundet. Und daher ist es, glaube ich, auch gekommen, dass Perry den Wunsch hatte, es mit uns gemeinsam zu machen.

Das ist uns dann auch gelungen. Doch wir mussten uns die Idee mit der Kneipe aus dem Kopf schlagen, wir waren ja in der DDR. Also, in HO-Gaststätten ging es gar nicht, und die Privatkneipen wollten vor allem Umsatz machen. Die haben gewusst, wenn die Leute singen, machen sie den Mund auf und können nicht trinken. (Lachen aus dem Publikum)

Scheer: Lutz, wie hast du das in Erinnerung, wie war dein Bezug zu Hootenanny, wann hat das angefangen und wie?

Kirchenwitz: Also klar, das trifft sich natürlich an vielen Stellen mit dem, was die beiden schon gesagt haben. Ich war Oberschüler, EOS, Schliemann-Schule , und wenn Kultur angesagt war, wenn irgendwelche Bühnen sich anboten, habe ich immer gern mitgemacht und auch gerne was organisiert. Ein Jazz-Konzert, da wurde dann die Kollwitz-Schule eingeladen, oder wir gingen rüber zur Kollwitz-Schule, wenn die einen Lyrikabend machten. So habe ich mich umgetan in dem aus heutiger Sicht damals recht bescheidenen Ost-Berliner Kulturleben, bin überall hingedackelt, auch dahin, wo Perry Friedman war. Den habe ich dann angesprochen und in die Schliemann-Schule eingeladen, er kam auch. Dann, 1965, wurde Perry beim Sender DT 64 vorstellig, die sollten doch mal was machen. Dort arbeitete Marianne Oppel, die war frisch und hatte noch keine Aufgabe und kriegte es gleich mal von ihrem Chef übergeholfen, sich doch um Perry Friedman zu kümmern. So entstand dann die Veranstaltungs- und Sendereihe »Treff mit Perry«. Perry erinnerte sich an uns aus der Schliemann-Schule und rief uns an, und so kamen wir zu Marianne Oppel, zu DT 64. Das waren so die Etappen, dabei entstand der Gedanke, man bräuchte einen ständigen Klub für solche Veranstaltungen. Wir kamen in den Klub International zu Anne Fröhlich, die heute im Publikum sitzt, und sagten, wir würden hier gern Veranstaltungen machen. Das ging dann auch, und das Schöne war, dort konnte man relativ unkompliziert auftreten und singen, und dann war sogar noch das Radio mit dabei und sendete dieses und jenes. Also, das war wirklich attraktiv für einen jungen Menschen. Bei mir kam noch hinzu, dass ich inzwischen Kulturwissenschaften studierte und von meinen Lehrern gedrängt worden war, das doch mal ein bisschen zu dokumentieren und zu analysieren. Da habe ich gleich eine Halbjahresarbeit geschrieben über die Sache. Ich habe gerade nachgesehen, wie die hieß, diese Halbjahresarbeit hieß: »Der Folksong – Ein wichtiger Impuls für die weitere Entwicklung des DDR-Jugendliedes«. (Lachen aus dem Publikum). Und dann machte ich noch eine Wandzeitung im Institut, die hieß, das war schon ein bisschen provokanter für DDR-Verhältnisse: »Folksong contra Massenlied«. Dem folgten gleich ein paar empörte Zuschriften an der Wandzeitung, zum Beispiel von einem heute bedeutenden Dramatiker, damals Philosophiestudent, der schrieb, es sei »beschämend, dass unsere zukünftigen Kulturwissenschaftler irgendeine zeitweilige und modische Bewegung für den Ausgangspunkt des neuen deutschen Liedes halten«.

Scheer: Sigi, dich haben wir damals kennengelernt als FDJ-Sekretär, wie gesagt. Du warst ein paar wenige Jahre älter als wir, mit der entsprechenden Autorität ausgestattet, aber sehr bald warst du im Grunde einer von uns, da war keine Hierarchie. Aber wie bist du dazu gekommen? War das ein Dienstauftrag, oder war das dein privates Interesse?

Wein: Es war Spaß. Ganz einfach, mir hat es Spaß gemacht. Ich kam ja zur FDJ sowieso nur aus Verlegenheit. Ich will nicht die ganze Geschichte erzählen, ist auch wieder was für sich, aber ich wurde Sekretär der Bezirksleitung, Siegfried Lorenz bestellte mich runter und sagte, du wirst …

Scheer: Siegfried Lorenz war dein Chef?

Podiumsdiskussion "Hootenanny '66", Siegfried Wein

Siegfried Wein

Wein: Der war damals mein Chef, ja, er hat dann später bei der Umbenennung des Hootenanny-Klubs eine Rolle gespielt, der sagte zu mir: Weißt du was, wir haben keinen anderen, wir wissen genau, du kannst das nicht, aber weil wir keinen anderen haben, musst du das machen. (Lachen aus dem Publikum) Und so kam ich dann mehr oder weniger unbeleckt zur Bezirksleitung. Mit der FDJ sah es damals nicht so gut aus, sie hatte zumindest auf dem Gebiet der Kultur überhaupt kein Ansehen mehr, und Lorenz sagte: Kümmer dich mal ein bisschen darum, setz mal ein paar Leuchttürme, und lass dir mal was einfallen. Na ja, das war ja ein schöner Auftrag. Und an Einfällen hat es nicht gemangelt. Irgendwie lernte ich dann alle möglichen Leute kennen, das war Spaß … Aber was Bettina erzählte über die Talentewettbewerbe, das erinnert mich an meinen ersten großen Ärger. Wir haben das nicht nur kreisweise gemacht. »Talente- und Prominentetreffen« hieß das, da war Gisela May dabei und Alfred Müller und was weiß ich wer noch, und das hatten wir auch plakatiert, und dadurch kam mein großer Ärger. Paul Verner, damals Bezirksleitung SED, später Politbüromitglied, bestellte mich, ich musste da antraben. Paul Verner zog übrigens immer seine Zigaretten aus der Tasche, und ich wunderte mich, wieso hat der denn keine Schachtel, bis ich aufgeklärt wurde, dass er immer Westzigaretten rauchte und deswegen die Schachteln wegließ. Gut, das ist ein anderes Thema, auf jeden Fall sagte er zu mir: Also pass mal auf, Kleiner, es gibt nur eine Form von Prominenten, und das sind wir.

Und damit hatte sich die Sache erledigt. Aber ich denke, die Singebewegung ist immer wie ein Baum mit vielen, vielen Wurzeln gewesen, und jeder hat seine Erinnerung daran, und das ist auch gut so, und manchmal macht man Erinnerungen schöner, als sie sind … Doch diese vielen Wurzeln haben das ergeben, was daraus wuchs. Also, da gab es den Lyrik-Wettbewerb »Wir lieben das Leben« in den Berliner Schulen, Jörn hat davon erzählt. Gedichte wurden geschrieben, du, Regina warst, glaube ich auch dabei, Thomas Brasch hat bei dem Lyrikwettbewerb mitgemacht, der kam dann auch zu uns. Franz Fühmann war Juror, der war ja ein ganz wichtiger Autor. Er hat sich mit den jungen Dichtern beschäftigt. Ich habe das Gorki-Theater gewonnen, die Schauspieler trugen dann die Gedichte der Schüler in der Kongresshalle vor. Also, es war sehr viel möglich. Lutz hat in der CD Hootenanny das ganz wunderbar beschrieben, man kann es nicht besser beschreiben, aber ich muss sagen, das sieht heute so aus, als ob dahinter eine Strategie stand, eine Absicht. Ich kann nur sagen: Ich hab’s gemacht, weil es Spaß war, weil es Vergnügen machte und, ja, man musste sich einsetzen dafür. Aber ich möchte den Spaß an der Sache, den uns das gemacht hat, einfach nicht wegnehmen, wir waren eigentlich nicht so geführt. Vielleicht sind wir später auch missbraucht worden, das will ich nicht in Abrede stellen, aber auf jeden Fall war das erst einmal ein richtiges Vergnügen, und ich war Tag und Nacht für diesen Klub unterwegs und für all das, was daran hing.

Scheer: Vielleicht muss man noch die Zeit ein bisschen deutlicher machen. Das kann Lutz sicher besser als ich, aber 1963 gab es das Jugendkommuniqué, damit wurde Jugendkultur aufgewertet, damit wurden Mittel freigesetzt zum Beispiel für solche Talentewettbewerbe und ähnliches. 1964 wurde DT 64 gegründet, nach dem Deutschlandtreffen. Es war eine Zeit, in der man an und für sich der Jugend und Jugendfragen wohlwollendes Interesse entgegenbrachte. Aber wenn man sich das geschichtlich anguckt, gab es auch schon so eine Gegenbewegung. Lutz, kannst du darüber was sagen?

Kirchenwitz: Na ja, wir sind sozusagen zwischen das Jugendkommuniqué und das 11. Plenum geraten, unversehens. Der Hootenanny-Klub wurde im Februar ’66 gegründet, nach dem 11. Plenum. Jetzt könnte man ja denken, das war schon eine Folge des Plenums, aber es war reiner Zufall. Wir waren einfach so weit im Laufe des Jahres ’65, dass wir nach so einem Klub suchten und plötzlich passierte da dieses 11. Plenum. Aber diese beiden Ereignisse wirkten sich aus …

Scheer: Kannst du zu dem 11. Plenum noch was sagen? Darüber weiß nicht mehr jeder was. (Lachen aus dem Publikum Zwischenruf: Aber nicht so lang!)

Podiumsdiskussion "Hootenanny '66", Lutz Kirchenwitz

Lutz Kirchenwitz

Kirchenwitz: Wir haben ja gelebt von diesem Impuls des Jugendkommuniqués und des Deutschlandtreffens. Es war eben kein Zufall, dass DT 64 der Jugendsender wurde, das Medium für diese neue Entwicklung. Auch die Klubgründung ist aus dieser Atmosphäre entstanden. Das 11. Plenum und auch schon Verschiedenes, was in dem halben Jahr davor passierte, war als Gegenbewegung zu verstehen. Der Aufmarsch der Hardliner, der Dogmatiker, die ohnehin … Also, Beat war einer der Hauptdreh- und -angelpunkte, die Förderung des Beats hat ja 1965 die FDJ zunächst ganz offiziell übernommen, in der richtigen Überlegung, dass man an so einer Massenbewegung nicht vorbeigehen kann. Das betraf auch DT 64, aber das gefiel natürlich vielen nicht. Man weiß ja, anfangs gab es auch im Westen ganz normale kleinbürgerliche Widerstände gegen diese Jugendkultur, und die Generationen kamen da nicht klar miteinander. Das war in der DDR genauso, und diejenigen, die sowieso dagegen waren, sammelten Argumente. Natürlich gab es auch Krawalle, ähnlich wie in West-Berlin, wo die Waldbühne beim Rolling Stones-Konzert zertöppert wurde. Dies alles führte dazu, dass ein Rollback einsetzte. 1965 im Herbst wurden massenhaft Beatgruppen in der DDR verboten und nur ganz wenige zugelassen. Auch das Auftrittsverbot für Biermann fiel in diese Zeit. Das alles mündete schließlich ins 11. Plenum. Verschiedene Literaten und Filmemacher wurden gemaßregelt, das will ich jetzt nicht im Einzelnen ausführen.

Das war die Lage, als die FDJ den Auftrag bekam, eine Konzeption zu machen, wie das weitergehen könnte. Der Zentralrat bekam den Auftrag, nicht Sigi Wein von der Bezirksleitung. Und da überlegte sich nun der FDJ-Zentralrat: Da gibt es doch schon was, und wir versuchen mal, da anzuknüpfen. Die meinten nun nicht etwa Hootenanny, das wäre doch zu heikel gewesen, die hatten mehr so das Jugendlied und Massensingen in den Grundorganisationen im Sinn, wollten aber, dass man diese jungen Chansonsänger, diese Volkskünstler der Hootenanny da mit einbezieht. So ging das vom FDJ-Zentralrat aus, aber das lief nicht alles so wie in deren Konzeption, darauf kommen wir sicher später noch zu sprechen.

Wein: Der Perry hat wirklich in dieser Sache eine große Rolle gespielt. Ich weiß, er kam zu mir in die Bezirksleitung und sagte: Ich brauche die FDJ, wir müssen irgendetwas suchen. Da sind wir herumgezogen, also ich war manchmal so besoffen wie später überhaupt nicht mehr. Wir zogen von Kneipe zu Kneipe in der Hoffnung, wir finden so eine Singe-Kneipe, und das Ende war, dass wir an einem Abend drei, vier Kneipen aufsuchten, und Perry fuhr Auto, einen Volkswagen, wenn ich mich recht erinnere. Doch es ging immer alles gut, wir waren bloß am Ende blau. Dann irgendwann fanden wir eben diesen Klub. Ich will damit sagen, wir haben was gemacht, dessen Hintergründe Lutz hier richtig erläutert, was dann in irgendeiner Weise benutzt wurde, ohne, dass wir das so gefühlt haben. Es kam dann eine Phase, in der es darum ging, das, was wir wollten, zu bewahren gegenüber solchen Bestrebungen. Da habe ich dann auch viel gelernt von Jörn, von Bettina, von allen anderen auch. Da gab es immer viele Möglichkeiten. Wir als FDJ-Bezirksleitung konnten auch helfen, denn irgendwie musste ja alles bezahlt werden. Wenn wir in der Kongresshalle waren, musste ja irgendwoher das Geld für die Miete herkommen. Ich weiß heute gar nicht mehr, wie das bezahlt wurde, aber es wurde irgendwie bezahlt. Schulden haben wir nicht gemacht.

Scheer: Es gab zum Beispiel im Herbst 65 einen ZK-Beschluss »Zu einigen Fragen der Jugendarbeit und dem Auftreten der Rowdy-Gruppen«. Ich weiß jetzt nicht so im Einzelnen, wer die Rowdy-Gruppen damals waren, aber dass dieser Hootenanny-Klub nicht auch als so eine Rowdy-Gruppe angesehen wurde, hat er, glaube ich auch sehr dir, Sigi, zu verdanken.

Wein: Na, es gab auch viele Beschwerden. Es gab so tapfere Genossen aus der Karl-Marx-Allee und so, die sagten: Also, das sollen nun Vorbilder für die Jugend sein, die mit den langen Haaren? Da musste ich immer irgendwelche Entschuldigungsbriefe schreiben, wenn die Klubleute … Ich weiß gar nicht, Lutz, du hast nie lange Haare getragen, nicht? (Kirchenwitz: Ne) Ich ja auch nicht, auf jeden Fall gab es ständig Beschwerden. Also, man musste die Sache immer verteidigen, wir mussten auch manche Lieder verteidigen. Auf der anderen Seite gab es auch … Ja, es ist ganz schwer darzustellen, es war eine Phase von Möglichkeiten und zugleich auch wiederum von Eingrenzungen, und das zu beschreiben, ist sehr schwierig.

Scheer: Na, so war überhaupt der Alltag in der DDR, zwei Schritt vor, einen zurück. Das waren ja keine fertigen Verhältnisse. Aber mich interessiert, Bettina, wenn man so wie du einfach nur Spaß am Singen hatte und künstlerisch arbeiten wollte, du wolltest ja damals auch Schauspielerin werden (Wegner: Ja) und warst dann an der Schauspielschule, hat man das mitbekommen, was da so im Hintergrund auf der Funktionärsebene lief, all diese Beschlüsse?

Wegner: Also, die habe ich nicht mitbekommen. Ich habe mich immer als eine der Mitbegründerinnen des Hootenanny-Klubs gefühlt, und es war wirklich spannend und toll. Ich kann das alles nicht mehr zeitlich einordnen, aber auf einmal saßen wir in irgendeinem Zimmer, als Hootenanny-Klub, ich glaube, Sigi kam dazu und sagte: Ab heute könnt ihr nicht mehr Hootenanny heißen, ihr heißt ab heute Oktober-Klub. Und um den Schein der Demokratie zu wahren, fragte er: Seid ihr alle einverstanden? Gebt mal Handzeichen.

Fechner: Ne, ne, wir haben länger diskutiert.

Wein: Ihr habt gar nicht so lange diskutiert. Also, das will ich mal sagen.

Fechner: Findest du? Ich weiß, was ich dazu gesagt habe …

Wegner: Es war ein Kamin in diesem Zimmer …

Fechner: Ich war damals schon Werbefuzzi und habe …

Wein: Anne Fröhlich weiß das Zimmer noch. Es gab gar keinen Kamin.

Fechner: Ja …

Scheer: Der Reihe nach.

Fechner: Ich will nur kurz sagen, dass ich den Klang des Namens Oktober-Klub unmöglich fand. Also deshalb war ich… (Kirchenwitz / Wein: Was?) Ja. (Lachen aus dem Publikum) Na pass mal auf, deine politische Begründung, lieber Sigi, deine politische Begründung, die war ja gut. Du hast ja viel mehr erzählt, hast gesagt: Wisst ihr, es ist so, jetzt müssen wir, jetzt wurde ich darauf hingewiesen, das geht nicht, mit dem englischen Namen.

Scheer: Das kann uns Lutz vielleicht ein bisschen genauer erzählen?

Fechner: Ich bin gleich soweit … Und dann hast du gesagt: Also, ich hab jetzt schon eine Weile überlegt und hab da so eine Idee. Und zwar gibt es in West-Berlin einen Klub, der heißt Ça ira, der Name bezieht sich auf die Französische Revolution. Und welche wäre denn nun die Revolution, auf die wir uns beziehen müssten oder könnten, dürften? (Lachen aus dem Publikum) So lief das! Und dann sind so viele eingeschwenkt, so dass ich letztendlich klein beigegeben habe, ich weiß nicht, ob es überhaupt noch einen anderen gab, (Wegner: Ja, mich) der fand, dieser Name klingt nicht gut.

Wegner: Mich hat überhaupt gestört, dass uns der Name einfach weggenommen wurde (Fechner: Das fanden wir alle nicht gut.) Ich hatte gar nichts gegen die Bezeichnung Oktober-Klub, darum ging es nicht. Ich wollte nur nicht Mitglied des Oktober-Klubs sein, sondern wir waren der Hootenanny-Klub.

Fechner: Du warst also grundsätzlich dagegen, und ich war …( Wegner: Ja!) auch grundsätzlich dagegen, aber ich hatte noch einen anderen Grund, und das war dieser. Es ist natürlich so: Den Namen Puhdys fand ich auch Scheiße. (Lachen aus dem Publikum) Er ist auch Scheiße. Aber die haben letztendlich überzeugt, selbst mich.

Scheer: Lutz, erzähl mal, wie diese Namensgeschichte aus deiner Sicht ablief.

Kirchenwitz: Na, ich habe mich jetzt in Vorbereitung auf dieses Projekt noch einmal ein bisschen intensiver damit beschäftigt und bin auch in Archiven gewesen und habe gesucht, nach Belegen für diese Ränke, für diese Kämpfe zwischen den verschiedenen Fronten, die da stattgefunden haben. Es war ganz schwer, auch Leute, die damals in Funktionen waren, haben mir gesagt: Da wirst du gar nichts finden. Da ist auch vieles auf Zuruf und per Telefon erfolgt. Aber in der DDR wurde der Amerikanismus, die »amerikanische Unkultur« eigentlich sehr heftig bekämpft, und da war es ja alles andere als selbstverständlich, dass da plötzlich so ein Ding Hootenanny-Klub hieß und dann auch noch von der FDJ gefördert wurde.

Wegner: Wo auch Englisch gesungen werden durfte.Kirchenwitz: Ich habe da was gefunden, beim FDJ-Zentralrat, die haben – Moment, wo ist es, hier – im Januar 1967 hat der FDJ-Zentralrat eine Vorlage der Abteilung Kultur behandelt, in der geschrieben stand: »Wir müssen einschätzen, dass sich viele Hootenanny-Klubs bilden, die starke Tendenzen des Pazifismus aufweisen und sehr unaufmerksam durch die Kreisleitungen der FDJ politisch-ideologisch geführt werden.« (Lachen aus dem Publikum) »Neben den pazifistischen Songs werden von den Folksängern englische und amerikanische Volkslieder in englischer Sprache bevorzugt gesungen.« Also, englisch zu singen war Anfang 1967 was ganz Schlimmes. Das stand in so einer Analyse, und auch die FDJ-Bezirksleitung, die den Hootenanny-Klub ja förderte, hatte in dem Punkt wohl ein paar Bauchschmerzen. Ich habe mir das Programm des Pfingsttreffens 1966, das war so ein Berliner Bezirkstreffen in Eisenhüttenstadt, angesehen. Dort war eigentlich unser erster größerer Auftritt bei so einer FDJ-Sache. »Chansons auf dem Rosenhügel«hieß die Veranstaltung. Reiner Schöne und Lin Jaldati und Perry Friedman und andere bekannte Sänger waren dabei, doch nirgendwo stand »Hootenanny-Klub«, dort stand nur: »und einige junge Volkssänger« oder: »einige Amateursänger des Jugendklubs der Volksbühne«. Den gab es ja parallel auch noch, diese Bezeichnungen waren immer noch angenehmer, die hat man lieber genommen, auch bei der FDJ-Bezirksleitung.

Aber dann kam irgendwie noch so ein zweiter Gegenschub. Ich habe mich immer gefragt, warum im Februar 1967? Der große Auslöser war ein Plakat. Für eine Veranstaltung in der Volksbühne mit Manfred Krug, den Jazz- Optimisten, Eva-Maria Hagen und einigen Mitgliedern des Hootenanny-Klubs hingen die Plakate in Berlin unter dem Titel: »Jazz und Folksongs«. Diese Veranstaltung wurde verboten. Von wem genau, lässt sich nicht feststellen. Da gibt es keinerlei Belege, aber ich habe mit Erstaunen einen Beschluss vom 8. Februar 1967 gefunden, einen Beschluss des Sekretariats des ZK der SED: »Zur Bekämpfung des Westdralls in einigen Kulturinstitutionen«. Darin geht es um Verschiedenes, den Friedrichstadtpalast, dies und das, aber auch um Jugendklubs, um die Namen der Ensembles, in denen Lieder vorgetragen wurden. Das alles liest sich ein bisschen komisch, aber es geht alles in dieselbe Richtung, und dann steht in den Erläuterungen: »Durch den Zentralrat der FDJ und die Junge Welt soll eine breite sozialistische Sing-Bewegung unter der Jugend entwickelt und ein entschiedener Kampf gegen die Tendenzen der Amerikanisierung auf dem Gebiet der Kultur organisiert werden.« Daher kam das alles offensichtlich, darum flammte mit einem Mal dieser Kampf gegen die »amerikanische Unkultur« wieder auf. Und das Verbot dieses Konzerts war der Anlass, dass Siegfried Lorenz, der damals Chef der Abteilung Jugend im ZK war und noch aus FDJ-Zeiten mit der Sache verbunden, seine Berliner FDJler versammelte und sagte: Also, man muss jetzt irgendwas tun, um den Hootenanny-Klub zu retten. Aber es geht nicht mehr unter dem alten Namen.

Wein: Jetzt komme ich endlich hier ins Spiel. (Lachen auf Podium und Publikum): Na ja, solche Erinnerungen sind immer sehr persönlich. Ich weiß nur, ich saß damals in der Bezirksleitung – da sitzt heute das ZDF drinnen, so ändern sich die Zeiten – (Lachen aus dem Publikum), und wusste, dass irgendwas passiert. Die Truppe vom Hootenanny-Klub war an der Ostsee gewesen, ich habe am 1. Februar Geburtstag, die schenkten mir, als sie zurückkamen, ein Buch, das habe ich jetzt noch mal angeschaut. Ich wurde damals 35, sie haben mir reingeschrieben: »Auf die nächsten 35«. Die habe ich ja schon überstanden. Unterschrieben haben sie die Widmung mit: »Dein Hootenanny-Klub«. Also, damals war es noch Hootenanny. Ich saß dann da oben in der Bezirksleitung  mutterseelenalleine, warum weiß ich auch nicht mehr, als jemand anrief: Komm mal sofort in den Ratskeller. Damals war der Ratskeller noch eine schöne Biergaststätte, jetzt ist es ja so ein hässlicher Angestelltenkeller geworden, und da saßen Siegfried Lorenz, Lothar Witt und Harry Smettan. Die sagten zu mir: Setz dich mal. Willst du ein Bier? Ich sagte: Ja. Und dann redeten sie auf mich ein: Also, du hast ja da deinen Klub, die wollen da in der Volksbühne auftreten, und wenn du den Klub retten willst, dann geht das nur so, dass du einen neuen Namen findest für die, und dann übernehmt ihr die Veranstaltung. Und dann konnte ich mein Bier austrinken und war entlassen. Ich ging ich nach Hause und dachte: Oh Scheiße, was jetzt? Entschuldigung, also so dachte ich wirklich.

Die waren ja fast alle im Probenlager, einer, der noch in Berlin geblieben war, war Volkmar Andrä, den habe ich angerufen: Volkmar, komm doch mal. Volkmar kam, und wir suchten einen Namen, da fiel mir dieser West-Berliner Klub ein: Ça ira, Französische Revolution. 1967 war ja das 50. Jahr der Oktoberrevolution. An die DDR-Gründung, an den 7. Oktober habe ich nicht gedacht, sondern nur an die Oktoberrevolution. Und ich weiß, dann sind wir da hin, und dann habe ich das vorgeschlagen, und Marianne war die erste und sagte: Ist doch nicht so schlecht. Und dann brachte ich ja den Bonbon mit: Ihr könnt in der Volksbühne auftreten. So war die Sache eigentlich mehr oder weniger gelaufen. Also, so ist meine Erinnerung. Aber ich staune. Ich kann mich gar nicht erinnern an den widerspenstigen Jörn.

Fechner: Das ist ja witzig. (Lachen vom Podium und aus dem Publikum)

Wein: Das ist mir neu. Aber so was kommt vor, ja?

Fechner: Aber es ist gut, dass ich mich noch erinnere.

Wein: Ja, ja, es ist immer wichtig, Erinnerungen … Ich ertappe mich ja selber dabei, mich zum Helden zu machen … Und das macht ja jeder irgendwie …

Scheer: Das ist sehr menschlich. Vielleicht muss man noch einen Satz dazu sagen. 1967, das war der Höhepunkt des Vietnamkrieges, der damals noch nicht entschieden war, und diese aus heutiger Sicht so lächerlich wirkende antiamerikanische Kampagne, die sich gegen die Sprache richtete, ist natürlich auch in diesem Zusammenhang zu sehen. In der Jungen Welt war eine ganze Seite, wo irgendein Lehrling aus dem VEB Elektrokohle oder so sich darüber empörte, dass die jungen Intellektuellen die englische Sprache der schönen deutschen Sprache vorziehen dass sie Volk mit F schreiben und nicht mit V, und so weiter …

Wein: Darf ich dich unterbrechen? Lutz hat gerade herausgefunden, dass ich auch an dem Artikel in der Jungen Welt schuld bin. Also, ich übernehme da Verantwortung. Hootenanny aber haben wir ja gar nicht so als englisch empfunden, das war ja das Irre.

Scheer: Das ist ja eigentlich ein Phantasiewort.

Wein: Perry hat noch versucht, das Wort zu retten, in einem Artikel hat er erklärt, dass Hootenanny ja von Hutzenabend herstamme (Lachen aus dem Publikum) und von eingewanderten Erzgebirglern hergekommen sei, und das schrieb er merkwürdigerweise in der Zeitung Militär und Technik, die von der GST, der Gesellschaft für Sport und Technik, herausgegeben wurde (anhaltendes Gelächter aus dem Publikum)

Scheer: Bettina, du fandest es nicht so komisch und …

Wegner: Ich fand das nicht komisch.

Scheer: … und hattest also das Gefühl, …

Wegner: … dass irgendetwas sich ändern wird, das Gefühl hatte ich. Ich kann mich an diesen Kamin in dem Zimmer erinnern.

Wein: Einen Kamin hatten wir nicht. Anne weiß das noch.

Kirchenwitz: War ein Kamin da?

Anne Fröhlich: Nein.

Wegner. Ne? (Lachen auf Podium und Publikum) Das siehst du es. Selbst diese Erinnerung ist schief bei mir. Was da so im Hintergrund war mit dem 11. Plenum, habe ich überhaupt nicht gerafft. Für mich war einfach die Frage: Wieso sollen wir nicht so weiter heißen, wie Perry das uns vermittelt hat? Der hat ja auch seine Geschichte dazu gehabt. Und ich habe gemerkt, dass sich jetzt was ändern wird an dem Prinzip, das für mich so wichtig war und was ich so toll finde bis heute. Dass eben wirklich jeder hinkommen konnte und seine Sachen vorstellen. Also fielen die englischsprachigen Lieder schon mal raus. Ich habe auch ein Lied geschrieben … Also, bei mir war der Schuldige Lutz. Damals. (lacht) Für mich war der Schuldige Lutz.

Wein: Nicht ich?

Wegner: Ne, aber Klaus Schlesinger, mein Mann, hat später gesagt: Wo Sigi Wein auftaucht, kommt das Verbot danach.

Wein: Wir haben uns nachher gut verstanden.

Wegner: Also, für mich war der Schuldige Lutz. Warum, weiß ich auch nicht, vielleicht weil er in der lockeren Zeit noch Biermannlieder gesungen hat und ich gesagt hab: Weißt du nicht, dass der irgendwie verboten ist? Ist mir doch egal, hat Lutz geantwortet und sang: »Unser Funktionär ist gut«. Ich erinnere mich noch genau an das Lied. Doch da habe ich gemerkt: Da hat sich was geändert. Es kommt ein Umbruch.

Jetzt ist der Klub nicht mehr das, weswegen ich ihn so toll fand. Und es ging ja dann auch weiter, es wurde dann eine Texterbude reingesetzt mit der Dichterin Gisela Steineckert. Diese Texterbude war vielleicht für den einen oder anderen sogar förderlich, für mich bedeutete sie nichts weiter als Zensur. Und 1968, also nur zwei Jahre später, kam der Einmarsch in die ČSSR, ich bin verhaftet worden und war kurz im Gefängnis, also vorbestraft. Ab dann hatte sich für mich die Sache ohnehin erledigt, weil keiner aus dem Klub mehr was mit mir zu tun haben wollte. Den Jörn mochte ich immer ganz besonders gerne, der sah immer so aus wie ein Junge, fand ich, so sieht er immer noch ein bisschen aus, den mochte ich also ganz besonders gerne, und nach der Haft kamen wir uns einmal auf der gleichen Straßenseite entgegen, und Jörn hat den Bürgersteig gewechselt. Einfach um zu vermeiden, dass er mir Guten Tag sagen muss und so tun, als ob ich kein Staatsfeind bin. Da war einfach so eine große Trauer, dass da eine tolle Sache in kontrollierte Bahnen gelenkt wird, das war mein Gefühl. Und dann muss ich noch ganz kurz erzählen, dass meine Mutter, eine gläubige Genossin der SED, ans Neue Deutschland einen Brief geschrieben hat – das war dann allerdings später –, dass der Perry, der eigentlich der Urheber und der Ideengeber und der Antreiber der ganzen Geschichte war, doch immer mehr in den Hintergrund geriet. Auf einmal wurde über den gar nicht mehr gesprochen. Und da meine Mutti eine gläubige Kommunistin war, hat sie sich hingesetzt und an ihr Lieblingsblatt einen Leserbrief geschrieben, dass sie es ganz schrecklich findet, wenn über den Klub immer öfter berichtet wird, sogar im Fernsehen, und nicht mal mehr erwähnt wird, wer der Ideengeber und eigentliche Gründer war, nämlich Perry. Diese Ungerechtigkeit hat meine Mutter wahnsinnig gekränkt. Sie hat, glaube ich, nicht einmal eine Antwort vom ND gekriegt.

Scheer: Na, ich könnte mir vorstellen, dass Perry als Kanadier und englischer Muttersprachler …

Wegner: … und Volkswagenfahrer … (Lachen auf Podium und Publikum)

Scheer: … dass der auch in diese antiamerikanische, antienglische Kampagne hineingeriet. Er hatte ja auch eine Zeitlang wenig Aufträge, das änderte sich dann aber wieder. Aber man merkt schon …

Fechner: Ne, er ging raus aus der DDR, ging wieder zurück nach Kanada.

Scheer: Und kam zurück. Das war aber später. Wir wollen mal bei der Hootenanny-Zeit bleiben. Man merkt, dass die Erinnerungen sehr unterschiedlich sind. Und manche kann man auch wirklich nur so stehen lassen.

Fechner: Na wir haben über die Sache schon geredet. Ich habe es versucht, ich konnte mich daran nicht erinnern, ich finde das tragisch.

Wegner: Alles Schnee von gestern.

Scheer: Ich fühle mich da auch betroffen. Ich bin, wenn ich zur Uni fuhr, beim Umsteigen am U-Bahnhof Vinetastraße, dir, Bettina, oft begegnet mit deinem kleinen Kind auf den Schultern, und ich wusste, dass du so eine Arbeitsplatzbindung bei »Treffmodelle« oder irgendwo hattest.

Wegner: »Treffmodelle« wär ja schick gewesen. (Lachen aus dem Publikum)

Scheer: Also, in irgendeiner Fabrik. Und obwohl ich damals in großer politischer Naivität die Zusammenhänge nicht durchschaut habe, habe ich mich geschämt irgendwie. Ich fand, dass ich jetzt zur Uni fahre und du dein Kind in die Krippe bringst und dann in die Fabrik fährst statt zur Schauspielschule … Doch ich hab dich auch nicht angesprochen, und wir haben auch erst viele Jahre später darüber geredet. (Wegner: Ja) Und das bleibt stehen, ja, das ist ein Versagen. Und von dir, Jörn sicher auch.

Wegner: Ich glaube, dass das eine ganz einfache, menschliche Regung ist. Es ist einem unangenehm, wenn man jemanden trifft, der in einer Situation ist, wo man denkt, man … (Fechner: … kann ihm nicht helfen) nimmt ihn in den Arm, so wie früher, dann könnte man Ärger kriegen. Für den, der betroffen ist, ist es ganz traurig und für den anderen eigentlich auch. Aber ich denke, dass Menschen so ticken. Ich weiß ja auch nicht, was erzählt wurde oder was den einstigen Freunden mitgeteilt wurde, was ich nun Schlimmes gemacht habe. Wir haben auch später darüber gequatscht, das Ding ist Schnee von gestern, aber so ändern sich dann eben auch Freundschafts- und Lebenswege oder gehen auseinander.

Scheer: Die Zeit, über die wir jetzt geredet haben, ist schon die nach 1968. Diese Umbenennung zu Oktober-Klub war 1967, nur ein Jahr zuvor. Das war ein Jahr, in dem viel geschehen ist.

Wegner: Die Texterbude kam auch noch vor ’68.

Scheer: Die Texterbude kam auch Anfang ’67. Deswegen sitzen wir ja hier, um diese verschiedenen Erinnerungen zusammenzutragen, doch wird sich aus den Puzzlesteinen kein vollständiges Bild ergeben, aber eine Annäherung vielleicht an das, was war.

Wein: So hat es Bettina empfunden, und ich akzeptiere das natürlich auch, aber soweit ich weiß, war die Texterbude nicht von irgendjemandem angeordnet, sondern sie entstand einfach dadurch, dass Gisela Steineckert und andere Dichter wie Heinz Kahlau interessiert waren an der Geschichte, am Klub. So entstand die Texterbude. Es war keine Idee von mir oder von irgendeiner Leitung.Wegner: Ich habe das auch nicht gesagt. Diese Texterbude war nicht von dir geschaffen, damit hattest du sicher gar nichts zu tun. Aber sie war nicht dazu da, jungen Leuten, die vielleicht noch ein bisschen plumpe Verse machen, ein bisschen zur Seite zu stehen, sondern für mich war das wieder ein Schritt zum Kontrollierten.

Scheer: So hab ich das nicht empfunden.

Wegner: Ich sage ja, andere mögen es als Hilfe begriffen haben, darum habe ich extra gesagt, mein Gefühl war das. Und da hatte ich eigentlich schon nicht mehr das Bedürfnis, den Klub so zu lieben.

Kirchenwitz: Zunächst mal waren das ja die Preisträger der Lyrikwettbewerbe, die da eingeladen wurden, und verschiedene anerkannte Lyriker wie Heinz Kahlau, Günther Deicke, Jens Gerlach, und da war Gisela Steineckert zunächst mal eine Person unter anderen, aber die …

Wegner: Ich habe nur die im Kopf.

Kirchenwitz: Die übernahm das dann, und die anderen blieben weg.

Fechner: Na, sie hatte einen auffällig kritischen Geist, was Texte betraf. So hat sie sich gezeigt, und das war auch sehr sinnvoll, finde ich.

Scheer: Aber diese Zeit der scheinbar absoluten Gemeinsamkeit, dieses fast berauschenden Gefühls, als, wie ihr sagt, jeder kommen konnte, jeder singen konnte, jeder ausdrücken konnte, was ihn beschäftigte, so gut er es eben vermochte, in einem doch freundschaftlichen Geist, die fing dann an zu bröckeln.

Wegner: Das geschah dann auch durch die Kommerzialisierung, glaube ich. In dem Maße, wie der Klub im Fernsehen gezeigt wurde, verschoben sich die Maßstäbe. Es waren Kleinigkeiten, da sagten die vom Fernsehen: Stellt euch alle mal so hin. Dann standen wir alle so da, und dann merkte man, der eine oder die andere rubbelte ein bisschen mit den Ellenbogen, damit er besser im Bild ist. Das fand ich alles komisch. Also, ich habe das anfangs geliebt, weil alle machen durften … Dieses Lockere, und jeder konnte machen, was er wollte. Und dann war es nicht mehr mein Klub. (Schweigen) Und ihr wolltet mich ja sowieso auch nicht mehr. (lacht) Als Vorbestrafte.

Scheer: Lutz, du hast als junger Kulturwissenschaftsstudent, wie du erzähltest, eine Halbjahresarbeit geschrieben, versucht, die Dinge, die du einerseits gesehen hast, deren Teil du andererseits warst, wissenschaftlich, mit Abstand zu fassen. Hast du dich nicht auch manchmal, also zum Beispiel bei dieser Umbenennung, gegängelt oder instrumentalisiert gefühlt? Und wie hast du dich damit arrangiert?

Kirchenwitz: Die Frage, wo beginnt Opportunismus, hat mich immer beschäftigt. Ich war immer ein sehr realistischer Mensch, kein aufbrausender, kein Typ, der Revolutionen anzettelt, sondern einer, der genau überlegt, was geht jetzt, was kann der nächste Schritt sein. Und so etwas wie diese Umbenennung, ja, da ist man reingepurzelt, diese Erfahrung hat man ja zum ersten Mal gemacht. Man hat sich auch damals gefragt, was geht, aber in dieser Situation sahen wir keine Alternative. Da hat man gedacht: Na gut, o.k., das müssen wir jetzt schlucken, und der Vorschlag, na ja, so schlecht war der nicht. Auch davor hatten wir ja schon mal darüber diskutiert, ob es einen möglichen deutschen Namen gäbe, doch es fiel uns keiner ein. Hootenanny, das gibt es eben nicht im Deutschen. Das kann man nicht übersetzen. Da dachten wir: Da bleiben wir eben dabei. Wir glaubten dann, das hätte sich erledigt. Na ja, dann kam dieser Vorschlag und … Es hätte schlimmere Ideen geben können. »Singeklub 7. Oktober« oder so etwas, da hätten wir sicher gesagt: Um Gottes willen, das geht ja nun gar nicht. Mit Oktober-Klub konnten wir uns arrangieren. Aber da ahnten wir noch nicht, was da für eine Lawine losrollt, das war ja eine gigantische Medienkampagne, ich habe selbst gestaunt, was ich manchmal in der Zeitung las. Irgendeine Zeitung hatte mich mal hinter der Bühne interviewt, als ich das dann las, wunderte ich mich nur: Moment mal, diesen Satz soll ich gesagt haben? Ich weiß nicht mehr den Wortlaut, aber in dem Artikel kam so was vor wie: »Da ist es wieder, das Jugendlied der 50er-Jahre, frisch wie eh und je …« Also, so etwas hatten wir nie gedacht und nie gesagt. Plötzlich machte ich Erfahrungen mit Medien, dachte: Pass auf, was du denen erzählst und was da hinterher rauskommt. Das war also auch eine wichtige Erfahrung, die ich da so zum ersten Mal gemacht habe.

Scheer: Jörn, und wie bist du dann umgegangen mit der Erfahrung, dass deine Bedenken nicht durchkamen?

Fechner: Ja, Oktober-Klub fand ich holprig. Aber ich hatte damit nicht wirklich ein Problem, das war ja nur ein Diskussionsbeitrag von mir, ich hab ja gar nicht gegen den Namen Oktober-Klub gestimmt, wenn ich mich recht entsinne. Ich wollte nur prüfen, abklopfen. (Wegner: Es war keiner gegen den Namen.) Ab-klopfen. (Wegner: Außer mir.) Aber ich war ja auf andere Weise involviert, also regelrecht betroffen, und das hat dann auch Auswirkungen gehabt. Ich sollte ja bei der Veranstaltung, die in der Volksbühne hätte stattfinden sollen, dabei sein. Und nun trat ich später am gleichen Ort unter anderen Bedingungen auf die Bühne.

Scheer: Unter einer anderen Überschrift …

Fechner: Mit einer anderen Truppe, unter einer anderen Überschrift. Und wir wollen ja mal nicht vergessen, zu erwähnen: Mit den Angriffen auf diese pazifistischen Lieder war ja unter anderem auch ich gemeint. »Schaut her, schaut her, so wär die Welt, wenn Frieden wär« zum Beispiel. Das betraf mich persönlich. Und diese Veranstaltung wurde nicht nur verboten, wegen des englischen Namens Folksongs, sondern weil dort die Gefahr bestand, dass Biermann auftaucht. Der hatte das schon öfter drauf gehabt, irgendwo reinzukommen und dann auf die Bühne zu treten und zu singen.

Kirchenwitz: Seine damalige Lebensgefährtin Eva-Maria Hagen sollte ja da mitwirken. Und Josh Sellhorn hat mir immer gesagt, das hätte das Fass zum Überlaufen gebracht. Schon ein Jahr zuvor hatte es einen Eklat gegeben bei »Jazz und Lyrik«, wo Biermann schon nicht mehr mitwirkte, aber von Sellhorn eingeladen war, also mit einer Eintrittskarte reinkam, festgenommen wurde, und dann haben die Künstler gesagt: Erst wenn der freigelassen wird, spielen wir. Ich könnte mir denken, diese Erinnerung war in der SED-Bezirksleitung noch lebendig, und man dachte: Das müssen wir vermeiden. Das darf sich nicht wiederholen. Dies ist aber eine reine Spekulation von mir.

Wein: Für die Veranstaltung »Jazz und Lyrik« war ich eigentlich auch verantwortlich. Ich hatte sie ja finanziert, über die FDJ. Der Josh Sellhorn organisierte das in Zusammenarbeit mit den Verlagen, mit dem Literaturfestival. »Jazz und Lyrik« fand vorher in anderen Orten statt, und das war wirklich ein ziemlicher Eklat, als sie nach Berlin kamen. Manfred Krug hat ja dann noch den »Briefträger aus Baltimore« gesungen dort, also ein Lied von Biermann, es ist noch auf der Platte. Aber ich hatte überhaupt nichts damit zu tun, dass Biermann da aus dem Saal gebracht wurde und dass die Künstler, Eberhard Esche, Manfred Krug, nicht mehr auf die Bühne wollten und dass das dann am Ende doch stattfand. Wer immer entschieden hat, so mit den Leuten umzugehen, das ging über meinen Kopf hinweg, den ich ja dort hingehalten hatte. Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Aber was hätte man tun sollen … Eberhard Esche ist dann mein Freund geworden, aber das alles beschäftigt mich noch immer. Für viele sind das ja Geschichten aus dem alten Berlin, aber es bewegt uns immer noch, es zerreißt unsere Seele, man denkt darüber nach. Damit verbunden ist natürlich auch die Frage: Warum ist dieses Experiment Sozialismus so in die Brüche gegangen, und wo war die eigene Verantwortung, wo trägt man daran Schuld? Also, ich hätte den Niedergang des Sozialismus mit Sicherheit nicht aufhalten können, wenn ich anders gehandelt hätte, sicherlich nicht. Aber es bewegt einen immer noch und umso mehr, je älter ich werde. Ich bin jetzt ein Greis, werde bald 80 … Letztendlich hat dieser Niedergang, für mich jedenfalls, dazu geführt, dass ich heute wieder Angst habe, dass ich heute wieder Angst habe vor denen, die auf der Straße stehen und brüllen »Wir sind das Volk«, dass ich Angst habe vor dem, was da sich anbahnt, aus einer tiefen Hilflosigkeit heraus. Und dann denke ich auch darüber nach: Am Ende hängt unser Versagen bei alledem mit dem Versagen gegenüber Menschen wie Bettina zusammen. Gut, wir haben dann in einer Straße gewohnt und haben uns immer getroffen, aber …

Wegner: Ich muss dazu sagen, dass ich 1976, also in einer Zeit, als der Oktober-Klub und das alles für mich längst erledigt war, zu Sigi Wein gegangen bin und gerne in die Partei eintreten wollte. Mein erster Versuch war gleich mit 18, in der Staatsbibliothek, wo ich gelernt habe. Wir waren dort zwei Lehrlinge, die in die Partei wollten und sind beide vor die Versammlung geladen worden. Dort war die Frage der Parteimitglieder der Staatsbibliothek: Wie findet ihr denn die Beatles? Ich sagte: Na toll, toll sind die, die Haare und die Musik. Also, ich war nicht reif. (Lachen aus dem Publikum) Nun war ich also nachgereift. 1976 bin ich zu Sigi Wein gegangen, man brauchte einen Bürgen, oder zwei. Viele, die für mich in Frage kamen, waren schon wieder aus der Partei raus. Da dachte ich an Sigi, weil ich ihn ja erlebt habe. Ich habe auch, als du damals kamst mit dem Vorschlag Oktober-Klub, nicht gedacht: Das hat der böse Sigi sich jetzt ausgedacht. Du warst einfach der Bote. Also, ich habe Sigi immer für einen sehr anständigen Menschen gehalten und dachte: Der ist noch in der Partei, da kannst du ihn ja mal fragen, ob er den Bürgen macht. Das hätte er auch gemacht, aber dann kam der November 1976, die Ausbürgerung Biermanns, und da wurde mir klar, wenn ich die Parteimitgliedschaft ein halbes Jahr früher durchgekriegt hätte, wär ich an diesem Punkt wieder ausgeschlossen worden, weil ich gesagt hätte: Sauerei, das könnt ihr nicht machen, einfach Menschen ausbürgern, wenn sie nicht eurer Meinung sind. Da hätte sich das wieder erledigt. Also, ich hatte mit Sigi persönlich keine Probleme, der sollte mein Bürge sein.

Scheer: Jetzt sind wir …

Wein: …ganz weggekommen, entschuldige.

Scheer: Nein, es ist gut so. Wir sind ins Jahr ’76 gekommen, sogar in die Gegenwart zu Pegida, aber vielleicht ist es ganz richtig, wenn wir uns diesem kurzen Abschnitt zuwenden, der für uns alle sehr wichtig war, auch spätere Zeiten und die Gegenwart mit anzugucken. Denn alles, was heute ist, hat ja eine Vorgeschichte, auch in unseren eigenen Leben, und ich glaube, jeder von uns, also Jörn, du, du, du, ich, jeder von uns hat diese Hootenanny-Zeit, diese Anfangszeit doch als prägend erlebt, so oder so. Du sagtest vorhin, Lutz, solche Erfahrungen hatte man ja nicht vorher gemacht. Schon weil wir so jung waren, konnten wir sie bis dahin nicht machen, und rückblickend scheint es so, dass die DDR genau so funktioniert hat, indem Menschen sich ausgesetzt haben, indem sie sich den Widersprüchen gestellt haben. Indem man gestritten hat, nicht immer einer Meinung war, indem man manchmal auch nicht mehr miteinander arbeiten wollte, konnte und woanders weitergemacht hat. Andere haben sich rausgehalten, zurückgezogen, aber nur aus diesen Reibungen hat es überhaupt eine Hoffnung gegeben auf Entwicklung und … Aber gehen wir mal wieder zurück in diese Hootenanny-Zeit. Jörn, also du bist dann aufgetreten in der Neuauflage der verbotenen Volksbühnenveranstaltung mit einem etwas anderem Personal und unter anderem Namen.

Fechner: Ja, und das war schwierig für mich. Da war die Frage, was machen wir jetzt mit dieser Veranstaltung Folksongs, man hört ja wieder das Wort Folk raus. Ich habe da keine Aktie dran, aber ich erfuhr das immer über Josh Sellhorn, dass sie sich also was Originelles haben einfallen lassen, um die Veranstaltung zu retten. Die Startveranstaltung in Berlin war entscheidend: Wenn in Berlin eine Veranstaltung gelaufen war, dann konnte sie in der ganzen DDR durchgeführt werden. Das war sozusagen nun unterbunden, und es wurde überlegt, wie die Tournee, die ja mit den Veranstaltern geplant war, trotzdem stattfinden könnte. Mit einem schnell über Nacht gedruckten Plakat wurde das gelöst. Die neue Veranstaltung hieß dann »Jazz und Volks-Songs« (Lachen aus dem Publikum) Dass song auch ein englisches Wort ist, fiel den Funktionären gar nicht auf. (Anhaltendes Lachen aus dem Publikum.) Wir sind mit diesem Namen ungefähr ein dreiviertel Jahr lang durch die DDR getourt. Es gab unterschiedliche Besetzungen, da habe ich noch mit Manfred Krug auf der Bühne gestanden Das war schon alles sehr schön und lehrreich.

Scheer: Hier ist jetzt ein paar Mal das Wort »Singegruppe« oder »Singeklub« gefallen. Ich glaube, das war eine Erfindung des Jahres ’67, dieses Wort? Es gab im Herbst 1967 die erste »Werkstattwoche der FDJ-Singeklubs«, und das war eigentlich der Auftakt zu dem, was man »Singebewegung« nannte. Es gab natürlich, so wie es in Berlin diesen Hootenanny-Klub gab, vorher ähnliche Hervorbringungen auch in anderen Städten.

Fechner: Ja, die meisten nannten sich auch Hootenanny-Klubs.

Kirchenwitz: Ja.

Fechner: In Magdeburg, in Dresden, Leipzig und so weiter …

Scheer: Der Name Hootenanny war dann also weg und es waren »FDJ-Singeklubs«, die verschiedene Namen trugen?

Fechner: Uns fiel auch nichts Besseres ein. Wir haben manchmal darüber diskutiert.

Kirchenwitz: Na, gemocht haben wir den Begriff überhaupt nicht, also beide nicht, weder Singeklub noch Singebewegung, aber das war eben so ein Griff in die alte Trickkiste. Noch im FDJ-Beschluss 1966 war die Rede von »dem Singen«, der »Durchsetzung des Singens in den Grundorganisationen« und so, aber der Begriff Singebewegung tauchte da gar nicht auf, doch in diesem merkwürdigen Beschluss vom Februar ’67, den ich schon erwähnt habe, ist mit einmal von einer Singbewegung, ich glaube noch ohne e, die Rede, und das ist ja so ein alter Begriff, noch vom Wandervogel. Er wurde da einfach aus der Kiste gezogen, es gab ja in der SED-Parteiführung noch ein paar Leute, die das so kannten, Kurella und andere. Wer den Begriff da letztlich eingeführt hat, weiß ich nicht, aber er war dann von oben gesetzt, und man musste damit leben.

Scheer: Es war ja nicht nur der Begriff, der drückte ja was aus, dass man kein spontaner Klub mehr war, sondern Teil einer Bewegung, die wiederum eine politische Führung hatte und so weiter. Aber wir waren damit einverstanden, zumal sich ja an der Basis sozusagen nicht so wesentlich was geändert hat, das hat nach wie vor Spaß gemacht, und im Vordergrund stand die Gemeinsamkeit. Bettina, die du wahrscheinlich mit einer besonderen Sensibilität ausgestattet warst, für dich war das dann das Ende in diesem Klub?

Wegner: Ich habe das eben so empfunden, dass es in kontrollierte Bahnen geleitet wird, das Spontane, das Kreative. Bitte schön, Kreativität war noch erlaubt, spontan schon weniger. Und das war dann einfach nicht mehr der Gedanke, der der Sache vorausgegangen war, also für mich drehte sich das.

Wein: Hinzu kam, dass dieser Klubcharakter sich verlor und immer mehr die Auftritte (Wegner: Ja, ja.) bestimmend wurden, ihr habt geübt, es gab die Proben und so weiter, es kam wieder ein Auftritt, noch ein Auftritt. Letztendlich ist daraus auch wieder was Gutes geworden, denn so entstand ja das Festival des politischen Liedes. Das erste übrigens durfte nicht »Festival« heißen, sondern es musste »Woche des politischen Liedes« heißen, weil man Angst hatte vor dem Begriff Festival. Dann hat sich Festival merkwürdigerweise durchgesetzt.

Das Festival hat ja doch eine große Rolle gespielt, nicht nur in Berlin. Das machten dann andere, Reini Heinemann und so weiter, nicht mehr nur die FDJ-Bezirksleitung, sondern der Zentralrat. Und da war plötzlich dieser Atem einer großen Welt, was sich dann später auch bei den Weltfestspielen zeigte.

Wegner: Na, das Festival war dann wieder etwas, wo Kreativität und Spontanität sich zeigen durften, weil auch die Welt teilnahm, aber Bettina Wegner, der kleine DDR-Vogel, durfte nicht mal Zuschauer sein. Wir hatten alle Karten. Ich hatte damals auch eine Karte, aber ich kam eben nicht rein, als Publikum. Und das einzige Mal, wo es mir gelungen ist, da ist dann vor mir einer gewesen, der mehr Volumen hatte und hinter mir auch einer und Schieben … (Lachen aus dem Publikum), und dann waren wir durch. Es war ein Konzert, ich glaube mit der chilenischen Gruppe Quilapayún. Und das war … da war eine Atmosphäre, ja so ähnlich wie aus der Zeit, als wir mal angefangen hatten, nur, dass hier sogar Menschen aus der ganzen Welt waren. Wir waren ja nicht so sehr daran gewöhnt, mit Menschen aus andern Ländern, aus andern Kontinenten zusammenzutreffen.

Ich habe übrigens die gleichen Ängste wie Sigi heute, und ich denke, das alles liegt vielleicht auch daran, dass wir nicht mal die Möglichkeit hatten, die Kubaner und die Vietnamesen, die bei uns gearbeitet haben, kennenzulernen. Die saßen nicht in der gleichen Kneipe wie wir, die haben nicht da getanzt, wo wir getanzt haben. Die sowjetischen Soldaten durften … Mit denen durften wir nicht tanzen. Wir haben nicht gelernt, mit der Welt umzugehen.

Wein: Völlig richtig. Auf der anderen Seite ist es so, in diesem Lande habe ich auch gelernt, Freundschaft zu halten. Ich bin aufgewachsen als ein Kind, dem der Hitlergruß selbstverständlich war. Ich habe mit »Heil Hitler« gegrüßt, da war ich schon sieben, acht Jahre alt. Ich musste erst lernen, dass Russen Menschen sind. Und das habe ich in diesem Lande gelernt, in der DDR, und das kann ich mir wiederum nicht wegnehmen lassen, das gehört dazu. Auf der anderen Seite habe ich aber auch erlebt, gerade beim Festival, dass es richtige Absurditäten gab. Ich erinnere mich an den Auftritt von Maryla Rodowicz mit zwei Gitarristen. Die sollten nicht auftreten mit ihren langen Haaren. Ich sollte von der FDJ-Bezirksleitung aus durchsetzen, dass die mit kurzen Haaren auftreten. (Lachen aus dem Publikum) Es ist wirklich wahr! Dann haben wir lange diskutiert mit Maryla Rodowicz, die war damals schon jemand. So kleinlich sind wir ihr entgegengetreten, schließlich sagte Maryla: Es ist alles geklärt, die werden da mit kurzen Haaren auftreten. Ich habe angstzitternd dagesessen in der Veranstaltung, das war im Gelben Saal der Kongresshalle, und dann traten die auf und kamen in Stimmung, und dann löste sich (Lachen aus dem Publikum) eine Haarsträhne nach der andern, und die hatten plötzlich lange Haare. Ihr glaubt nicht, welchen Ärger ich hatte! Und ich weiß noch, Kirsten Steineckert hatte den Auftrag, Quilapayún die Haare zu schneiden – man muss sich das vorstellen! (Lachen aus dem Publikum) Man muss es sich einfach vorstellen, welche Banalität, welcher Irrsinn auch da war. Ja, das sind die Dinge, unter denen ich leide. Auf der anderen Seite muss ich sagen, ich habe in diesem Lande gelernt, in diesem Lande DDR, was Völkerfreundschaft heißt, was Liebe zum anderen heißt, auch das gehört mit dazu, zu dieser Widersprüchlichkeit, und die trage ich mit mir weiter.

Scheer: Ja, das war das Nebeneinander von wirklich schönen, internationalistischen Momenten auch bei diesem Festival … Und ich erinnere mich auch daran, wie die mit Haarklemmen ihre Haare verkürzen mussten und wie bescheuert die uns fanden, die haben über uns gelacht. Ja, sie haben auch kurz überlegt, die hätten ja auch abfahren können, aber es hat ihnen ja auch gefallen, die Atmosphäre und das Zusammensein mit uns, aber wir taten ihnen ein bisschen leid, dass wir unseren blöden Funktionären gehorchen müssen …

Wegner: Aber das verstehe ich auch nicht, das ist für mich der absolute Grenzübertritt. Wenn jemand zu mir irgendwann, irgendwo gesagt hätte: Komm, wir müssen jetzt die Haare schneiden, damit das alles schön über die Bühne geht … Das wäre ein Angriff auf meine Persönlichkeit. Die Haare! Also, mir wären schlimme Bilder eingefallen.

Scheer: Ist ja richtig. Aber die fanden das eher komisch und absurd.

Wegner: Ja, ja. Gott sei Dank.

Scheer: Aber dieses Nebeneinander von dieser aus heutiger und auch aus damaliger Sicht lächerlichen Kleinlichkeit und wirklich sehr schönen und großen Momenten, das haben, glaube ich, alle so erlebt beim Festival. Und die sind ja immer wieder gekommen, die chilenischen Gruppen und andere, das war für sie ja auch wichtig, nicht nur für uns.

Wegner: Und auch für das Publikum, also die Stimmung da …

Scheer: Die Leute sind ja aus der ganzen DDR angereist gekommen, haben in Schlafsäcken vorm Haus der jungen Talente campiert, um eine Karte zu erwischen.

Kirchenwitz: Ja, das einmalige Erlebnis Weltfestspiele, wo man immer sagt »Woodstock des Ostens«, die Festivals waren ja immer so kleine Weltfestspiele, einmal im Jahr.

Scheer: Es war dieses Nebeneinander von Lächerlichkeit und Größe, das auf vieles zutrifft, was wir erlebt haben. Vielleicht lasse ich zum Schluss jeden nochmal erzählen, was ihm von dieser Zeit geblieben ist. Es tut mir leid, Bettina, wenn du jetzt in so schwere Erinnerungen gekommen bist.

Wegner: Das ist wirklich Schnee von gestern. Also, daran arbeite ich mich nicht mehr ab.

Scheer: Na, du hast ja danach auch noch einiges erlebt, was heute den Rahmen sprengen würde.

Wegner: Wichtig zum Beispiel ist für mich, wenn ich jetzt diese Runde sehe, dass Sigi Wein die gleichen Ängste heute hat wie ich. Ich kann im Moment nicht Nachrichten sehen, weil mich beängstigt, in welcher Massivität, in welcher Maßlosigkeit sich Menschen, die mit uns zusammen aufgewachsen sind, in Dresden hinstellen und auf die Ärmsten der Armen losgehen. Und diese Bilder mit dem Bus. Mich beängstigt das auch, und ich verstehe nicht, ich verstehe nicht … ja, also … das wiegt für mich viel schwerer als das, was mir der Oktober-Klub antun konnte.

Scheer: Das verstehe ich, das geht mir auch so, dass man bei allem, was man macht und tut und erlebt, diese Gedanken hat. (Wegner: Ja. ) Aber heute ist ja unser Thema 1967, Hootenanny. Und ich frag jetzt jeden nochmal. Lutz, wenn du heute als älterer Herr auf ein ganzes Berufsleben und so weiter zurückblickst, was hat das für dich bedeutet, für dein Leben?

Kirchenwitz: Na ja, es war wirklich eine wichtige Erfahrung, die mein ganzes Leben geprägt hat. Ich treffe ja des Öfteren mal Leute, die ich von früher kenne, da sagen auch manche: Ach, dieser ganze Quatsch, damit will ich nichts mehr zu tun haben. Das könnte ich nie sagen. Bei mir hat es sich ja durch verschiedene Zufälle so entwickelt, dass ich mich immer wieder und mehr denn je damit beschäftige. Aber da bin ich natürlich eine Ausnahme, bis hin eben zu dieser neuen CD. Und damit verbunden sind so viele wesentliche Erfahrungen. Ich wollte nie abtauchen, wollte immer aktiv sein, irgendwas bewegen, was mir möglich war. Es war unterschiedlich, was möglich war. Manchmal war ich ganz froh über das, was ich geschafft habe, und manchmal habe ich gedacht: Verdammt, das darf dir nicht nochmal passieren. Ich erinnere mich an bestimmte Momente, wo ich gesagt habe: Ne, also so darfst du dich nicht noch einmal missbrauchen lassen. Das waren ganz viele Erfahrungen, die möchte ich nicht missen, die finde ich ganz wichtig.

Scheer: Und Sigi, du hast danach viele Jahre als Theaterintendant gearbeitet, und bist ja auch immer noch produktiv, malst, und hast viele Künstlerfreunde. Die Zeit liegt lange zurück, aber was bedeutet sie für dein Leben heute noch?

Wein: Ich glaube, ich habe schon gesagt, für mich war das eine Lebensbegegnung, eine Begegnung mit Leuten in einer spannenden Zeit, einer Zeit der Auseinandersetzung und mit Möglichkeiten, genutzten Möglichkeiten, ungenutzten Möglichkeiten. Und ich denke gerne an diese Zeit zurück. Dazwischen liegen natürlich andere Lebensphasen, du hast es schon gesagt, für mich, die immer spannend waren, die mich mit anderen tollen Leuten zusammengebracht haben, aber letztendlich … Also, ich habe gesessen neben Herrn Ackermann von der Deutschen Bank und allen möglichen Leuten, doch am Ende, wenn ich darüber nachdenke, ist mir die Zeit, wo ich mit euch zusammengesessen habe, die liebste Zeit gewesen.

Fechner: Ungefähr so wollte ich es auch sagen. Aber ich nenne noch einen anderen Aspekt. Ich habe jetzt mal wieder angefangen zu singen, vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich inzwischen Rentner bin, ich weiß es nicht. Jedenfalls habe ich zwei, drei alte Freunde wiedergefunden, und wir haben ein Trio. Vorwiegend treffen wir uns zu Hause, musizieren miteinander, arbeiten an der Musik und diskutieren, so wie wir es damals gelernt haben. Denn wir waren immer der Meinung, wir üben schon mal in unserem Klub Demokratie. Wir haben so viel diskutiert, wie man es sich beinahe gar nicht vorstellen kann. Wir waren ein richtiger Debattierklub. Das steckt dann so drin, dieses Widerspruch-Leisten und das Bemühen, das Richtige herauszufinden. Ich kann nur sagen, wir drei sagen immer, wenn wir uns verabschieden: Mensch, das war mal wieder ein schöner Therapienachmittag. Wir haben das, und wir hatten das damals auch.

Scheer: Tretet ihr auch auf?

Fechner: Wir treten manchmal auch auf.

Wein: Darf ich noch einen Satz sagen, den ich vergessen habe: Mein politisches Leben begann mit dem Oktober-Klub oder Hootenanny-Klub, und momentan endet es vielleicht auch mit dem Seniorenklub, der sich jeden Dienstag im Karl-Liebknecht-Haus trifft, und das finde ich eine ganz spannende Geschichte. Also von Klub zu Klub, es kann einem nichts passieren. (Lachen auf Podium und Publikum, Beifall)

Wegner: Für mich persönlich war in der frühen Zeit der Lyrik-Klub Pankow wichtig, aber der Hootenanny-Klub war für mich eine ganz wichtige Erfahrung, ganz spannend, es war aufregend, es war schön, und hätte ich das nicht gehabt in dieser Zeit, dann wäre ein großes Stück verloren gegangen, zumal ich ja vorhin schon gesagt habe, ich habe die Idee ja mitgeschleppt bis zum »Eintopp« und zum »Kramladen«. Also, für mich war das prägend, wichtig, schön, spannend. Aus. (Beifall)

Scheer: Ja, dann danke ich den Teilnehmern und euch, den Zuhörern, und beenden wir vorerst dieses Gespräch.